Mit schmerzhafter Ehrlichkeit beleuchtet Svende Merian in dem 1980 erschienenen autobiografischen Roman „Der Tod des Märchenprinzen“ die subtilen Mechanismen der weiblichen Unterdrückung in heterosexuellen Beziehungen. Doch was sagt uns der Roman heute? Jetzt sind wir doch weiter! Oder etwa nicht?
von Karima Küster
Hamburg. Die Studentin Svende setzt eine Anzeige in die Zeitung: „linke frau, 24, möchte gerne unmännliche männer, gerne jünger, kennenlernen“. So beginnt Svende Merians autobiografischer Roman „Der Tod des Märchenprinzen“, der zu einem Klassiker der damaligen linken Szene wurde. Auf 343 Seiten schreibt sie mit wütendem Mut und schmerzhafter Ehrlichkeit über den tiefen Wunsch nach erfüllender Sexualität, über die Ambivalenz zwischen Emanzipation und Gefallen-Wollen und über die Verzweiflung, dass patriarchale Denk- und Handlungsweisen selbst in den intimsten Beziehungen stecken. Doch was sagt uns ihr Buch heute, fast 50 Jahre später, noch? Haben wir all das nicht längst hinter uns gelassen?
Von Männersexualität zum Male Gaze
Über ihre Anzeige lernt Svende Arne kennen. Sie verliebt sich, fühlt sich sofort angezogen von seiner Zärtlichkeit, die so anders ist als die ‚Männersexualität‘, die sie kennt. Sie blickt auf ihre sexuelle Vergangenheit zurück. Angefangen mit dem 10 Jahre älteren Uli: „Ich mußte mich in allen möglichen Stellungen von ihm bumsen lassen, weil er das geil fand und ich ihn nicht verlieren wollte…halt deinen Mund, Frau, und tu es ihm „zuliebe“… meine Schuld? Daß ich mich nicht gewehrt habe?“ Aber auch Männer, die es gut meinten: „Es muß schnell gehen… immer öfter fängt er, sofort nachdem er drin ist, an, ganz schnell zu rammeln. Wenige Minuten… und er ist fertig… hinterher tut es ihm immer ganz furchtbar leid… Warum müssen Männer ihre Sexualität auf ihre Schwanzspitze und mich auf mein Loch reduzieren?“
Diese Art von Sexualität, die Merian so treffend als ‚Männersexualität‘ betitelt, ist heute keineswegs ausgestorben, sondern immer noch die gängige Darstellung von Lust: Die Reduzierung von Sex auf Geschlechtsmerkmale und Penetration. Die Rollenverteilung von aktivem Mann und passiver Frau. Die Idee, dass Sex nur gut ist, wenn er schnell und hart ist. Das sind die Muster, Schablonen und Skripte, aus denen unsere heutige Pornolandschaft besteht. Wir lernen immer noch, dass die Frau ein Objekt ist, das zur männlichen Lust dient. Auch wenn wir heute andere Worte haben, um diese Darstellung zu kritisieren – nicht von ‚Männersexualität‘, sondern von ‚Male Gaze‘ sprechen – ist das Problem doch immer noch das gleiche.
Svende hat genug von dieser Sexualität. Sie hört langsam auf sich selbst dafür die Schuld zu geben anders zu sein, beginnt sich mit anderen Frauen auszutauschen, beginnt zu verstehen, dass es kein individuelles Problem ist. Doch wo bleiben die Männer, mit denen eine andere Art von Sexualität möglich ist? Arne scheint einer dieser Männer zu sein. Schon bei der ersten Begegnung spürt Svende Arnes Zärtlichkeit: „Wir liegen ganz still. Kein übereilter Kuss. Kein zu hastiges Aneinanderdrücken. Erste zarte Berührungen. Wärme. Ruhe. Sanftes Streicheln von Fingerkuppen durch Haare. Über Wangen. Und Lippen.“ Svende fühlt sich in ihrer Sexualität das erste Mal wirklich verstanden: „ich öffne die Augen, wir sehen uns an… er bewegt sich in mir… wir schließen die Augen nicht wieder… sehen uns an dabei… tauchen ineinander ein, ganz tief… ich spüre ihn in mir… verliere mich in seinen Augen… In diesem Moment… beginne ich zu ahnen… daß ich ihn lieben werde…“
Vom Softi zum Performative Male
Alles scheint perfekt zu sein, doch Svende merkt schnell, dass Arne sich noch nie mit der ‚Frauenfrage‘ auseinandergesetzt hat. Die Verhütung überlässt er ihr, fragt nicht nach, wartet bis sie es anspricht. Ambivalenz. Soll sie es so akzeptieren oder für sich einstehen: „Bin ich zurückweichlerisch? Nicht radikal genug? Ich möchte mit ihm schlafen! Er ist so lieb und so zärtlich, dieses Schwein!“ Svende versucht ihm zu erklären, was es bedeutet in dieser Welt eine Frau zu sein. „Arne hört mir interessiert zu. Manchmal sagt er Sachen, aus denen hervorgeht, daß er selbstverständlich auch für Gleichberechtigung und so ist. Doch das findet er richtig.“ Aber am Ende verhält er sich trotzdem anders, zeigt dieselben respektlosen Verhaltensweisen, wie andere Männer, zeigt kein Interesse mehr an ihrer Lebensrealität. Frustriert stellt Svende fest: „Ein Softi ist ein Chauvi, der Kreide gefressen hat, nichts anderes“.
Auch hier zeigt sich die Aktualität von Merians Roman. Wieder sind es andere Worte und doch
dasselbe Phänomen. Der ‚Chauvi‘ ist heute der ‚Alpha Male‘, der ‚Softi‘ der ‚Performative Male‘ oder ‚Performative Feminist‘. Aber am Ende ist es dieselbe Dynamik: Der Mann stellt sich als feministisch da, um von dem Image zu profitieren, reflektiert dabei aber nicht seine eigene Frauenfeindlichkeit. Auch heute noch werden dieselben Probleme diskutiert. Shila Behjat und Daniela Sepehri schrieben beispielsweise Ende 2025 in ‚der Freitag‘: „Der progressive Mann sagt, er liebe starke Frauen, aber nur solange sie nicht stärker sind als er. Er sagt, er wolle Gleichberechtigung, aber nur, solange sie ihn nichts kostet. Er sagt, er sei anders und ist am Ende doch nur ein weiterer Mann, der gelernt hat, dass Frauen für sein Wachstum zuständig sind“.
Von toten Prinzen zum Heterofatalismus
Für Svende bricht dadurch eine Welt zusammen: „Arne ist für mich nicht irgendeine unglückliche Liebe. In mir ist viel mehr als nur Arne kaputtgegangen. In mir ist der Märchenprinz kaputtgegangen. Ich will nichts mehr von Männern. Nie wieder. Aber habe ich das nicht jedes Mal gesagt? Jedes Mal, wenn ich unglücklich verliebt war? Habe ich nicht jedes Mal der Männerwelt abgeschworen, um dann kurze Zeit später auf den nächsten reinzufallen?“
Auch hier schließt sich die aktuelle Debatte nahtlos an. Im 2025 erschienen New York Times Artikel „The Trouble With Wanting Men“ schreibt Jean Garnett: „Women are so fed up with dating men that the phenomenon even has a name: heterofatalism.“ Unter diesem Begriff teilen aktuell viele Frauen ihre Frustration und Enttäuschung über heterosexuelles Dating, oft allerdings genau wie Svende mit dem Wissen, dass sie sich sowieso wieder verlieben, es nochmal versuchen und wieder enttäuscht werden. Garnett stellt in ihrem Artikel die Frage: „So what do we do with our desire?“
Auch Svende beschäftigt diese Frage. Sie versteht, dass auch Arne eine schwere Vergangenheit hatte, dass er und auch andere Männer nicht von einem Moment auf den anderen ihre Sozialisation abschüttlern können, dass Veränderung Zeit und Verständnis braucht. Gleichzeitig will sie sich nicht in die klassisch weibliche Rolle der immer verständnisvollen Frau drängen lassen und auch ihrer Wut über Arnes Verhalten Ausdruck verleihen. „Es ist ein Widerspruch vor dem jede Frau steht, die einerseits konsequent gegen ihre Unterdrückung kämpfen will, aber andererseits sieht, daß Männer sich nicht von heute auf morgen ändern können.“
Die fast 50 Jahre, die seit Merians Roman vergangen sind, zeigen, wie langsam und schwer dieser Prozess ist und wie wir immer noch versuchen uns aus den patriarchalen Strukturen um uns und in uns zu befreien. Wir haben nicht aufgegeben, aber wir sind auch noch lange nicht am Ziel. Und deshalb können wir heute immer noch aus der schmerzhaften Ehrlichkeit von Svende Merian lernen und uns von ihrem Mut anstecken lassen: „Ich schreibe ein Buch, um anderen Frauen Mut zu machen. Mut in dieser Welt mit Männern zu überleben. Mit Männern oder gegen Männer, vielleicht ganz ohne Männer, oder aber auch trotz Männern. Ich will Mut machen, indem ich zeige, daß unsere privaten Probleme nicht unsere privaten Probleme sind.“





