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Rebellion gegen Grau

7. Juni 2026

Der Campus der Universität Bremen trotzt nur so von Grautönen und Brutalismus. Aber nimmt man sich die Zeit und guckt genauer hin, versteckt sich überall um uns herum ein kleines Stückchen Kunst.

von Ida Peters

Mit einem sanften Ruck kommt die Straßenbahn vor der Glashalle am Zentralbereich zum stehen. Endlich strömt dir wieder frische Luft entgegen, als dich die Menge aus Studierenden aus den Türen schiebt. Die Bahn nimmt quietschend wieder Fahrt auf und schnell verschwinden die Menschen um dich herum von dem Bürgersteig. In der Glashalle blicken dir bunte Treppenstufen entgegen. Vor Frische glänzende Farbe überdeckt den letzten Protestspruch, den jemand hier gegen die hohen Kosten der Universität hinterlassen hat.

Du wendest deinen Blick ab und etwas helles fängt deinen Blick. Dir direkt gegenüber auf der anderen Seite der Schienen steht ein Kleid. Es ist etwas versteckt im Schatten eines Betonbalkens, ein Glaskasten trennt es von den vorüberziehenden Leuten. Du überquerst die Schienen, um es besser sehen zu können. Du erkennst, dass das Kleid mal weiß war. Doch das ist schon lange nicht mehr der Fall. Bunte Farbflecken und -schlieren sind explosiv über den Stoff verteilt. Sie deuten Energie, Chaos und Wucht darin an, wie die Künstlerin Lina Marie Bauer sie dort platziert hat.

Kontrollverlust

Es handelt sich um die derzeitige Ausstellung in der Kunstbox des Intitutes für Kunstwissenschaftes der Universität. Neben dem Werk selber ist ein Text an dem Glas angebracht, welcher mehr Kontext schenkt. Das Kleid trägt den Titel “Portrait eines Kleidungsstückes – Kontrollverlust”. Bauer beschreibt, wie sie mit dem Projekt einen Ausbruch aus durchgetakteter Alltragsroutine zeigen wollte. Anstatt akribrisch zu planen, hat sie dem Zufall die Kontrolle überlassen, ohne Muster genäht und die Farbe einfach wild auf dem Stoff landen lassen.

Die Kunstbox, dessen Werke sich ein paar Mal im Jahr ändern, ist eine der offizielleren Plätze für Kunst auf unserem Campus. Aber überall um dich herum sind kleine Wunder versteckt, wenn du nur Ausschau danach hälst.

Gedichte in Graustufen

Du wendest dich ab von dem bunten Kleid. Der dunkle Beton des Boulevards schneidet durch deinen Blick auf den hellblauen Himmel. Doch anstatt die tropfende Metalltreppe zu erklimmen, gehst du unter ihr hindurch. Fast versteckt hinter einem Metallzaun verläuft ein grauer Tunnel direkt unter dem Fußgängerweg, erleuchtet von Neonröhren.

Du folgst ihm und trittst auf einem Parkplatz wieder ins Sonnenlicht. Du befindest dich nun bei den Gebäuden, in denen die Biologie- und Chemiestundierenden ihre Tage –und nicht zu selten auch ihre Nächte- verbringen. Du besuchst einige von ihnen im BIOM, einem sandigen, viereckigen Neubau. Der Aufenthaltsraum ist, bis auf die besetzten Tische und etwas Sonnenlicht, leer. Nur an einer der glatten Betonwände klebt ein Gedicht. Es ist umzingelt von einer Handvoll schwarz-weißer Fotos. Viele von ihnen sind mittlerweile abgefallen und sammeln sich auf einem Stuhl in der Ecke. In Szene gesetzt sind ganz besonders brutalistische Seiten des Campus’. Kaum Pflanzen und erst recht keine Menschen hauchen ihnen Wärme ein. Und genau das thematisiert das Gedicht im Zentrum dieser Aufnahmen:

Heimliche Fenster

Du lässt die Naturwissenschaftler*innen in Ruhe arbeiten und läufst zurück nach draußen. Schon wieder ragt dir dunkler Beton entgegen. Diesmal stellt sich der kleine, etwas moos- und algenbewachsene Turm heraus als ein halboffenes Treppenhaus. Du folgst ihm und endest auf dem Ende des Boulevards. Mit Sonne im Nacken ziehst du vorbei an roten Säule und Werbepostern. Musik wird lauter und du musst einen Schlenker machen, als du die Brücke über den Schienen überquerst. Hier sitzen gerade einige Studierende auf dem Weg, um gegen die erhöhten Semesterbeiträge zu protestieren. Bei einem genaueren Blick auf die Aushänge, die das Boulevard schmücken, fällt dir auf, dass unter ihnen viele Aufrufe zu Demonstrationen hängen. Erst, als dein Startpunkt an der Glashalle weit hinter dir liegt, biegst du in das nächste Gebäude ein.

Die Eingangshalle des GW2s mit seinen vielzähligen, breiten Treppen in alle Richtungen, weißen Säulen und verschachtelten Stockwerken strotzt nur so vor Einladungen zur kreativen Gestaltung. Die große, bemalte Wand zu deiner Linken oder das Zitat zu deiner Rechten fallen schnell auf, wenn man das erste Mal das Gebäude betritt. Aber du folgst der Treppe nach rechts in das Erdgeschoss und biegst in die kleine Sackgasse ein, die zwischen ihr und der Wand entsteht, um etwas Geheimeres zu finden.

Angebracht an einem weißen Stützbalken zwischen Wäscheständer und blinden Fenstern ist eine kleine Glasplatte. Wie auf einem Kratzbild für Kinder zu sehen sind bunte Formen, die die schwarze Platte in drei Areale teilt. Die geordneten weißen Striche in der Ecke könnten an Mensatische erinnern. Mit den Fenstern werden die Farben bunter und die Formen spielerischer. Außerhalb von ihnen toben wilde blaue Muster und Wellen, abgelöst von wenigen roten und einer gelben Form, die an einen Himmelskörper erinnern könnte.

Vielleicht ist eben das Unerkennbare das Entscheidende. Der Blick aus den Fenstern zeigt bereits eine farbigere Welt als die, die sich in den bekannten Innenräumen abspielt. Doch noch ist sie berechenbarer als das, was draußen tobt. Nichts Eindeutiges lässt sich aus der Außenwelt mehr erlesen. So könnten die Tische das Jetzt darstellen, von dem aus man auf eine vielfältige Reihe an möglichen Lebenswegen blickt. Diese kommen einem noch geordnet und klar vor. Doch die eigentliche Zukunft ist absolut unberechenbar, dauernd in Bewegung und könnte sich als alles Vorstellbare entpuppen.

Eine Mischung aus Angst und Vorfreude auf die Zukunft versteckt sich in der winzigen Glasplatte. Gut passend zu der Lebensphase des Studiums, in welcher noch so viel Unberechenbarkeit in der Zukunft wartet.

Ein Strand im Treppenhaus

Weiter führt dich dein Weg in die höheren Stockwerke. Dafür nimmst du einen der kaum genutzten Türme, die das Gebäude umringen. Als du in den grauen Schacht trittst, steht schon wieder ein Gedicht vor dir:

Die Ränder wirken zerfetzt und es gibt Kratzspuren entlang des Papieres, als ob jemand versucht hätte, es unleserlich zu machen. Aber noch hält es Stand.

Ecken und Kanten

Oben angekommen im dritten Stock, begleitet von Graffiti-Tags und Zeichnungen, folgst du den stillen Gängen. Hier oben sind Faachbereiche angesiedelt, welche sich mit Kunst beschäftigen. So kommt es, dass um viele der weißen Ecken Kreativität wuchert, an denen du vorbeiziehst. An Stellen wortwörtlich, wie bei den Gemälden und Zeichnungen, die sich um die Ecken der Säulen im Flur ranken.

Woanders ist die Kunst selbst für die labyrinthartigen Flure des GW2s versteckter angebracht. Wie der Ausdruck von William Foster, dem Hauptcharakter des Filmes “Falling Down” aus dem Jahr 1993, der sich unter einem Waschbecken entdecken lässt.

Der Film erzählt die Geschichte eines eigentlich recht durchschnittlichen Mannes, der erst vor Kurzen seine Ehe und seinen Job verlor. Alltägliche Ärgerlichkeiten häufen sich, bis sie ihn an seine Grenze bringen. Das Geschehen artet aus in einem Gewaltfeldzug. In Laufe dessen trifft er auf Menschen, die auf verschiedenste Weise unter den gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen der Zeit leiden. Stück für Stück wird er immer kaltherziger und jähzorniger, während er mit der Realität umgeht, dass der American Dream und die Chance auf das Leben, welches ihm verprochen wurde, tot ist.

Dieser eiskalte Blick auf Wirtschaft, Politik und die Zukunftschancen von Arbeitnehmern hängt in einem Gang voller Büros. Das Waschbecken über William Fosters Kopf läuft über mit ungewaschendem Geschirr.

Aneinander gepflastert

Du folgst den engen Fluren zurück zu der breiten Haupttreppe im Eingangssaal und verlässt das Gebäude. Du wirst begrüßt von einer leichten Brise und biegst nach rechts ab, die Treppen hinab an der Keksdose vorbei. Hinter dir hörst du noch leise die Musik von dem Protest herüberschallen. Du gehst den Graspfad entlang, zu deiner Rechten begleitet von der klobigen Fassade des GW2s. Schon nach wenigen Metern stehst du vor deinem nächsten Halt: dem SFG. Das große Rechteck aus Backsteinen hat eine kleine Glastür ein Stückchen weiter entlang der Straße, durch die du den schmalen, dreieckigen Eingangbereich betrittst. Zu deiner rechten befindet sich das Treppenhaus. Die Wände sind befliest: während du die Treppen erklimmst, siehst du auf der Innenwand links neben dir ein Wimmelbild an dekorierten Fliesen. Einige tragen Wörter, andere sind einfarbig, wieder andere bilden gemeinsam ein größeres Bild oder zeigen alleine ein ausgefeiltes Kunstwerk.

In beiden sind Menschen zu sehen, die vor einem szenischen Hintergrund einen Anblick genießen. Der alleine stehende Mann in Grautönen scheint eher in die Ferne zu schauen, während die beiden Menschen in dem blauen Gemälde vielleicht eher aufeinander achten als auf die Natur, die sie umgibt. Durch die Farbwahl und das Starren in die Ferne ruft der einsame Mann eher ein Gefühl der Sehnsucht, der Melancholie hervor. Das Paar, welches vor dem See entlangstreift, bekommt durch den geschmückten Rahmen und der malerischen Natur einen Flare, der an die Romantik erinnert. Das untersützt das durchgehend blaue Farbspektrum, welches traditionell benutzt wird, um bedrückende und mystische Themen zu konfrontieren.

Das Ende oder der Beginn von Veränderung

Du wendest dich ab von den befliesten Wänden und folgst der schmalen Treppe hinunter zurück zum Ausgang des SFGs. Durch eine offene Garage mit tiefen, weißen Decken schlängelst du dich zwischen Autos und Säulen hindurch, um wieder zu deinem Ausgangspunkt zu gelangen. Unter freiem Himmel durchquerst du den schmalen Weg zwischen den breiten weißen und roten Wänden von GW2 und MZH, die bis zum Himmel zu ragen scheinen. Unterbrochen werden sie nur von den schwarz anmutenden Fensterreihen. Du überquerst schnell die Schienen, um einem gerade losbrummenden Bus aus dem Weg zu gehen und gelangst so auf die Seite der Haltestelle, die dich zurück in die Stadt bringen wird. Direkt neben der Kunstbox siehst du dich in einer dunklen, sandigen Ecke um. Eigentlich ist sie hinter einer breiten Säule voller Poster versteckt, doch auch hier hat das Leben schon gewütet. Neben einem strengen Geruch findest du Müll bis an die hintere Wand verteilt. Direkt über dieser Landschaft hat jemand einen Zettel an die Wand geklebt:

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