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Kids Day: Ein Event für alle

23. August 2026

Die Bremer Kultveranstaltung „Six Days“ bringt jede Menge Tradition in die Stadt. Jedes Jahr findet im Rahmen dieses Events der Kids Day statt, der für die Familie Müller das Highlight ist. Wie auch viele andere ist sie vom Mix aus Radsport und Show begeistert, denn es ist nicht nur spontan und kostenlos, sondern auch spannend und hat für jeden was zu bieten.

von Hanna Müller

Bremen – Es war nicht leicht, am frühen Vormittag des 10. Januars, den kurzen Weg vom Bremer Hauptbahnhof zur ÖVB-Arena über die Bürgerweide zu laufen. Zentimeterhoher Schnee und Matsch lagen auf dem Weg und machten es den Menschen schwer. Das eisige Winterwetter und die dadurch eingeschränkten öffentlichen Verkehrsmittel hielten viele nicht davon ab, vor die Haustür zu treten und den beschwerten Weg auf sich zu nehmen. Tapfer stapften Stiefel in den unterschiedlichsten Farben und Größen durch die weiße Landschaft. Wer Bremen kennt, weiß wohin es die vielen Menschen an diesem Samstag führte: zum Kids Day.

Jedes Jahr im Januar finden die Six Days in Bremen statt. Eine Veranstaltung, die dem Publikum vier Tage ein spannendes Radrennen bietet. Und der Samstag gilt speziell den Kindern. Bei dem Sportevent fahren Profis aus verschiedenen Nationen auf einem Holzoval und treten in unterschiedlichen Wettkampfdisziplinen, wie Sprint, Madison- oder Derny-Rennen gegeneinander an. Besonders daran ist, dass die Fahrräder keine Bremsen besitzen und die Bahn Steilkurven hat.

Die Einlasskontrolle verlief sehr entspannt. Kein Gedränge, keine überdrehten Menschen, wie es bei Konzerten oft der Fall ist. Die Leute waren einfach gut drauf und nahmen die ganze Prozedur gelassen hin. Vielleicht liegt es daran, dass die Veranstaltung kostenlos ist. Auch Antje Müller, die den Bremer Kids Day besuchte, war entspannt. „Die Karten liegen bei uns schon seit einigen Tage, mein Mann holt die immer beim Weser Kurier ab, sobald es welche gibt“, erklärt die 58-Jährige und erzählt weiter: „Da wird auch nicht gefragt, für wen die sind oder komisch geguckt, wenn es mehrere Tickets sind. Man geht einfach hin und bekommt die Karten.“ Doch nicht alle Besuchenden hatten Eintrittskarten aus Papier bei sich. Viele zeigten den kontrollierenden Personen auch ihr Smartphone vor. Diese Leute hatten sich ihr Ticket online runtergeladen, auch kostenlos und einige luden sich die Einlasspapiere auch erst runter, als sie schon vor der Arena standen. Neben „kostenlos“ punktet auch der Aspekt „spontan“.

Gute Stimmung bis unters Dach

Nach der Kälte draußen, umhüllte einem eine angenehme Wärme beim Eintreten und die Freude über den Kids Day war deutlich zu spüren. Dutzende Trillerpfeifen sorgten für Stimmung und feuerten die Fahrenden an. Schon von draußen waren sie zu hören, doch drinnen nahm ihre Lautstärke noch mal ein anderes Ausmaß an. „Die Trillerpfeifen sind schon ein bisschen nervig, da waren die Klatschpappen früher angenehmer“, erzählt Antje Müller. Generell habe sich einiges zu den vorherigen Jahren verändert. „In den Gängen war früher viel mehr für die Kinder aufgebaut. Dafür ist der Kids Day jetzt ein anerkannter Renntag, wo die Profis um Punkte fahren, die in die Wertung mit eingehen, das macht diesen Tag, zumindest sportlich, interessanter, als damals.“

Für die Vorstellung drehen die Radprofis Runden auf dem Oval.

Das Programm, was für die Besuchenden auf die Beine gestellt wird, ist geringer geworden, weil es sich um eine sehr kostspielige Veranstaltung handelt. Trotzdem wird dem Publikum noch einiges geboten. Auch an den Abenden für die Erwachsenen. Für gutes Geld erhält man Sport und Party mit vielen Musikacts und DJs. Auch das Grünkohlland, ein Angebot, bei dem zum Grünkohlessen eingeladen wird, findet an einem Tag weiterhin statt.

An das Wintergemüse dachten die Kinder im Innenbereich nicht. Sie streckten ihre kurzen Ärmchen aus, um mit den Radprofis abzuklatschen. Die leuchtenden Augen und das begeisterte Hüpfen, wenn einer bei ihnen, im Vorbeifahren, eingeklatscht hat, konnte ihrer Freude darüber kaum genug Ausdruck verleihen. Ein Ausdruck, der beim La-Ola-Sprint auch bei vielen anderen im Gesicht lag. Jeder war dabei und hatte Spaß. Das Licht wurde auf Disco-Modus gestellt. Die Fahrer sorgten für Stimmung, fuhren freihändig, Schlangenlinien oder klatschten in die Hände. Und aus den Lautsprechern kam „Aber Scheiß drauf, Six Days ist nur einmal im Jahr, olé olé und schalala.“ Die gesamte Arena grölte mit und die Menschen erhoben sich, immer, wenn die Fahrer an ihrem Tribünenabschnitt vorbeifuhren. So wanderte etwa fünf Minuten eine hervorragende La Ola über die Ränge.

Ganz viel Tradition

Der La-Ola-Sprint ist eine Wettkampfdisziplin, die sich viele nicht entgehen lassen wollten. „Wir haben so ziemlich die einzigen Züge genommen, die heute fuhren. Die vorher und nachher sind alle ausgefallen, darum mussten wir uns auch ganz schön beeilen, sonst wären wir gar nicht hingekommen“, sagt Antje Müller. Auch ihr Sohn Henrik Müller ist froh, hergekommen zu sein: „Am Anfang, wenn man früh aus dem Haus und sich beeilen muss, hat man eigentlich nicht wirklich Lust dazu, aber wenn man dann erst mal hier ist, macht das schon Spaß zuzugucken“, sagt er. Auf die Frage, warum sie sich die Strapazen der An- und Abreise bei diesem Wetter antun, erklärt Antje Müller: „Das macht man halt, wir gehen seit Jahren als Familie hierher und schauen uns das immer wieder gerne an. Ich war auch schon selbst als Kind hier.“ Für sie ist der Besuch beim Radrennen zur Tradition geworden. Aber auch das Event selbst bringt jede Menge Tradition mit.

Im nächsten Jahr feiern die Bremer Six Days ihr 60. Jubiläum. Zum ersten Mal wurden die Rennen auf dem Holzoval 1910 in Bremen veranstaltet. Nach einigen Jahren Pause, kam es 1965 zur Neuauflage und findet seither regelmäßig statt. Neben Berlin ist Bremen zudem der einzige Standpunkt, der die Six Days in Deutschland überhaupt noch austrägt. Während zu Beginn der Stadt sechs Tage Radsport geboten wurden, finden die Bahnrennen seit der dreijährigen Zwangspause, aufgrund der Coronapandemie, nur noch vier Tage statt. Der Name ist jedoch Kult und blieb.

Die Dernys machen sich für das Rennen bereit.

„Ohne geht nicht“

„Was nie fehlen darf, sind Bonbons“, erklärt Antje Müller und ergänzt: „Für das Geld könnte ich wahrscheinlich fünf Tüten kaufen, aber die Bonbons hier gehören einfach dazu. Ohne geht nicht.“ Nicht nur für sie und ihrer Familie gilt das. Der Stand mit unzähligen verschiedenen Sorten an Süßigkeiten lockte viele an. Es verschwanden Gummibärchen, Saure Würmer, Schlümpfe, Lakritze, Lassos und vieles mehr in den rot-weiß geherzten Papiertüten. Wem eher nach etwas Herzhaftem war, kam auch nicht zu kurz. Besonders lang war die Schlange vor dem Pizzatresen. Aber auch die Düfte von Currywurst und Pommes stiegen einem in die Nase. Viele Leute gaben sich auch vollkommen dem Radrennen hin und vermieden es, die Halle zu verlassen und auf die Gänge zu gehen. Und auch die blieben nicht unversorgt.

Jungen Leute im blauen Shirt und mit riesigen Körben voller Brezel vor dem Bauch liefen durch die Arena und beglückten die Besuchenden an ihren Plätzen. „Hol die Brezel bei der Backstube und nicht bei denen, die hier rumlaufen, da sind sie am besten und meistens noch warm“, sagt Henrik Müller. Aus diesen Worten sprechen jahrelange Erfahrungen von vielen Besuchen bei den Six Days. Seit er ein kleiner Junge ist, kommt er mit seinen Eltern her; heute ist er 26 Jahre alt. „Die Brezel in der ÖVB-Arena sind immer noch die Besten“, stimmt auch Antje Müller ihrem Sohn zu.

Stars von heute treffen auf Stars von morgen

Der Kids Day gehört, wie die Brezel, zum festen Bestand der Bremer Six Days. Obwohl dieser Tag den Kindern gedacht ist, war das Publikum buntgemischt. Eltern und Großeltern liefen mit ihren Kindern und Enkelkindern durch die Gänge, an der Hand, auf dem Arm oder in der Trage. Kleine Gruppen von Jugendlichen umjubelten die Pausenacts. Aber auch viele Erwachsene, ohne Begleitung von Kindern, schauten sich das sportliche Ereignis an diesem Tag an. Der Sprecher startete einen Versuch, zu ermitteln, ob mehr Kinder oder Erwachsene anwesend sind. Doch nach zwei Anläufen gab er den Versuch auf und entschied auf Unentschieden. Beide Seiten hatten mächtig Lärm gemacht und dabei wurde deutlich: Egal welches Alter, der Kids Day begeistert alle.

Der Standort Bremen ist jedoch nicht nur wegen des begeisterten und lautstarken Publikums etwas Besonderes für die Fahrenden, sondern auch wegen der Strecke, auf der es rund geht. Die Bahn misst gerade mal 166 Meter und weist eine Neigung von 56 Grad in den Kurven auf. Damit zählt sie zu den kürzesten und steilsten Strecken der Welt und ist eine echte Herausforderung. Grund für die ungewöhnlichen Maße ist die Größe der ÖVB-Arena, die nicht mehr Platz hergibt.

Die Nachwuchsfahrer stehen an der Startlinie bereit für den Andy-Kappes-Cup.

Doch nicht nur das Publikum besteht aus mehreren Generationen, sondern auch das Fahrerfeld. Neben den „alten Hasen“, wie Roger Kluge, Nils Politt und Robert Förstemann, kam auch der Nachwuchs auf die Bahn. Im Andy-Kappes-Cup traten die U-19-Fahrer gegeneinander an.

Dieser Wettkampf, wo die Fahrer von morgen ihre Kreise auf der Bahn drehen, zeigt einmal mehr, welcher Stellenwert die Stadt Bremen im Radsport und den Six Days hat. Andreas Kappes, nach dem das Nachwuchsrennen benannt wurde, stammt aus Bremen und ist eine wahre Radsport-Legende. Er nahm an 115 Sechstagerennen teil und auch an vielen Straßenrennen.

„Wenn er hier in Bremen gefahren ist, hat die Halle getobt“, erinnert sich Antje Müler. Und auch jetzt werden einige Fahrer besonders gefeiert. Robert Förstemann, bekannt unter dem Namen „Mister Oberschenkel“, war bereits die vergangenen Jahre am Start und heizte das Publikum mächtig ein. So auch in diesem Jahr. Wenn er das Publikum animierte Lärm zu machen, machten sich alle bereit. Einige der Zuschauenden begannen sich die Ohren zuzuhalten oder setzten schnell die Ohrmuscheln auf, denn sie wussten, was jetzt kommen sollte. Die ganze Tribüne holte ein letztes Mal kräftig Luft, füllten ihre Lungenflügel und pusteten dann mit aller Kraft in ihre Pfeifen. Dazu ein gelender Applaus. Ein Applaus, der Wirkung zeigte und absolut gerechtfertigt war. Förstemann knackte die 60 km/h und gewann sein erstes Sprintduell an diesem Tag. Einen neuen Bahnrekord konnte er jedoch nicht aufstellen. Den hält immer noch der Tscheche Tomás Bábek mit 8,531 Sekunden für die 166 Meter.

„Die waren wirklich sehr gut“

Nicht nur die Profis und der Radsportnachwuchs durften sich an diesem Tag zeigen, sondern auch andere junge Stars eroberten die Halle. Die Pause stand an und der Innenraum begann sich deutlich zu füllen. Besonders Kinder und Jugendliche reihten sich vor der Bühne auf. Die Radprofis bekamen Zeit zu verschnaufen und andere Talente die Chance, sich auf der Bühne zu beweisen.

Dieses Jahr waren zwei der Showacts Levent Geiger und Maurice Fuchs. Beides junge, talentierte Künstler mit großer Reichweite über die sozialen Medien. Sie sprechen das junge Publikum an, von denen einige häufig nur wegen ihren Stars kommen.

Die Finalisten und Finalistinnen der 13. Staffel von The Voice Kids, die unter dem Namen „We are the Voice“ auftraten, sorgten für Begeisterung. Sie sangen den Song „We are the world“ mit Herz und Botschaft und das kam beim Publikum an. Auf den Rängen wurden die Handys gezückte und die Taschenlampen eingeschaltet. Die Arena verwandelte sich in ein Lichtermeer und es herrschte vollkommener Einklang zwischen den Singenden, dem Publikum und dem Rhythmus. Keine Sorgen, nur Harmonie. Es begeisterte sogar so sehr, dass eine Zugabe gefordert wurde. „Normalerweise gehen wir bei der Pause immer raus, um was zu essen“, erzählt Henrik Müller: „Aber die waren wirklich sehr gut, die konnte man gut anhören.“

Die jungen Fahrer kämpfen um den Rennsieg.

60 Jahre Jubiläum

In diesem Jahr wurde dem Publikum vieles geboten, doch im nächsten Jahr steht ein Jubiläum vor der Tür und der Veranstalter verspricht: „Nächstes Jahr ist etwas ganz Besonderes geplant.“

Vielleicht spielt dann das Wetter auch ein bisschen besser mit, sodass die Besuchenden es nicht ganz so schwer haben bei der Anreise und dann auch noch zahlreicher kommen. Denn ein Event, das kostenlos ist, Sport und Show zu bieten hat und für jeden da ist, zieht viele an. Vor allem, wenn es heißt: Mehr Party, mehr Radrennen, mehr Spektakel. Der Kids Day im nächsten Jahr, am 16. Januar, ist bei Familie Müller schon im Kalender eingetragen. Sie wollen wieder kommen.

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