Drag Queens gehören heute zu den sichtbarsten Gesichtern der queeren Community. Zwischen Perücken, Bühnenauftritten und Wahlfamilien macht die Bremer Künstlerin Miss Joyce DeLone deutlich, warum Drag weit mehr ist als Unterhaltung und weshalb Sichtbarkeit politisch bleibt.
von Johanna-Marie Gropengießer
Ich sitze auf einem Sofa in einer Wohnung im Bremer Viertel. Neben mir sitzt Miss Joyce DeLone. Heute ist sie Tobias: keine hohe Perücke, kein funkelndes Make-up, keine High Heels. Im Hintergrund läuft leise Musik, vor mir steht ein Glas Leitungswasser. Wir führen ein Interview. Ich möchte mehr über die Bremer Drag-Szene erfahren. Doch obwohl die Aufnahme-App auf meinem Handy läuft, fühlt es sich kaum wie ein Interview an. Die Stimmung ist entspannt, fast freundschaftlich.
A Star is Born
Die Geburt seiner Dragpersona verlief nicht etwa von heute auf morgen. Zu groß war die Angst vor Reaktionen, vor möglichen Verlusten. Drag blieb lange etwas für den Karneval, ein Kostüm, hinter dem man sich verstecken konnte. „Da kann man sagen: Ich mache das ja nur für Fasching.“ Der Moment, der alles veränderte, kam 2018 bei der Hochzeit seines Bruders. Als Trauzeuge organisierte er eine Showeinlage: Ein Travestiekünstler sollte auftreten. Als Tobias ihn auf der Bühne sah, mit Federn, Kostüm und großer Geste, war die Entscheidung gefallen. „Da habe ich gesagt: Egal, was jetzt jemand denkt, du bringst dir das bei.“

Wer sichtbar ist, wird gesehen
Doch Drag ist nicht nur ein persönliches Hobby. Die Kunstform hat eine lange Geschichte. Die Wurzeln von Drag liegen im Theater der frühen Neuzeit. Da Frauen in vielen Theaterformen nicht auftreten durften, spielten Männer weibliche Rollen. Im 20. Jahrhundert wurde Drag zu einem wichtigen Teil der LGBTQ+-Kultur. Dragshows waren lange Teil der queeren Subkultur und zugleich ein prägender Bestandteil des städtischen Nachtlebens. Sogenannte Houses wurden zu Orten der Akzeptanz und Kreativität. Doch diese Akzeptanz endete meist vor der Clubtür. Die Stonewall-Unruhen 1969 gelten als Wendepunkt der LGBTQ+-Bewegung. Auch hier spielten Drag Queens eine tragende Rolle. Die Queen Marsha P. Johnson gilt als eine Schlüsselfigur der Aufstände. Heute besitzen Drag Queens durch Shows wie RuPaul’s Drag Race und Plattformen wie TikTok oder YouTube die Möglichkeit, ihre Kunst einem breiten, globalen Publikum zu präsentieren. Das heißt jedoch nicht, dass die Welt frei von Diskriminierung und Vorurteilen gegenüber Drag Queens ist.
Umso wichtiger ist Drag heute als Teil queerer Sichtbarkeit. Als DeLone anfing, gab es in Bremen nur wenige Dragkünstler/innen. Heute zählt sie etwa fünfzehn. „Und das Schöne ist: Jede Persona ist komplett anders“, sagt sie. Glamour-Queens, Comedy-Performerinnen, Tänzerinnen, Sängerinnen, eine Szene mit vielen Facetten. Mittlerweile hat DeLone auch eine eigene Drag-Familie. Zwei „Töchter“ gehören dazu, eine „Enkelin“. Gemeinsam planen sie Shows, tauschen Ideen aus und organisieren Auftritte.

„Und ich finde das so schön, weil es hier überall eine gibt, die mit einer Show für Sichtbarkeit sorgt. Ich sorge für Sichtbarkeit, weil ich glaube, ich bin die Lauteste von allen, was hier in Bremen angeht.“
Miss Joyce DeLone
Mother knows best
DeLones Töchter sind nicht etwa biologisch mit ihr verwandt. Begriffe wie diese stammen aus der Drag-Szene, einer Welt mit ihrer ganz eigenen Sprache. Eine „Drag Mother“ ist eine erfahrene Dragkünstler/in, die oder der Neulinge unterstützt und ihnen beim Einstieg hilft. Oft übernehmen ihre „Kinder“ sogar den Nachnamen ihrer Drag Mother. So entstehen ganze Drag-Familien, die sich gegenseitig beraten, auftreten lassen und unterstützen.
Drag ist zunehmend auch im öffentlichen Raum sichtbar geworden: auf Bühnen, bei Stadtfesten oder Pride-Veranstaltungen. Gerade deshalb sehen viele Dragkünstler/innen ihre Auftritte nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Ausdruck von Präsenz. Wenn eine Drag Queen auf einer Bühne steht oder durch eine Stadt läuft, wird queeres Leben sichtbar. Für viele in der Community ist genau das ein wichtiger Schritt: zu zeigen, dass Vielfalt Teil der Gesellschaft ist.
Und Miss Joyce DeLone hat große Visionen. „Ich arbeite mich dazu hoch, dass ich die Bürgermeisterin aus dem Viertel werde“, sagt DeLone lachend. In Zukunft möchte sie Drag-Touren durchs Bremer Viertel anbieten. Für sie steht das Viertel für Vielfalt. „Wir sind buntikulitmulti“, sagt sie. Ein Ort, um Menschen kennenzulernen, ein Ort, um Geschichten zu erzählen – „auch queere Geschichte“, betont DeLone.
Das Bremer Viertel bietet gleich mehrere Anlaufstellen der queeren Community. Etwa das Kafé Kweer. Das Café versteht sich nicht nur als Gastronomiebetrieb, sondern als offener Raum für Austausch, Vernetzung und Veranstaltungen. Hier finden regelmäßig queere Stammtische, Lesungen oder kleine Kulturabende statt. Für viele Menschen aus der Szene ist das Kafé Kweer damit ein Ort, an dem Sichtbarkeit, Gemeinschaft und queere Kultur im Alltag gelebt werden.

Sichtbarkeit bleibt politisch
Doch so wie das Kafé Kweer mehr ist als nur ein Café, ist auch queere Geschichte nie unpolitisch. Sie ist ein anhaltender Kampf um Sichtbarkeit. Erst seit 1969 ist Homosexualität in Deutschland keine Straftat mehr. Erst seit 2001 können sich homosexuelle Paare als Lebenspartnerschaft eintragen lassen, und erst im Jahr 2017 wurde die Ehe für alle beschlossen. Es sind Rechte, die hart erkämpft wurden und heute härter denn je geschützt werden müssen. LGBTQIA+-Events werden immer häufiger zur Zielscheibe von Übergriffen rechter Gruppen. Die Anfeindungen werden immer gewalttätiger.
Auch DeLone hat Bedenken. Sie selbst geht schon seit einiger Zeit nicht mehr nachts allein durch die Straßen. Doch einschüchtern lassen kommt für sie nicht in Frage. Besonders mit Blick auf politische Entwicklungen, etwa in den USA, wo Dragshows zunehmend Ziel politischer Angriffe werden. „Wenn wir verschwinden, haben die gewonnen, die uns weghaben wollen.“
Für sie selbst ist die Antwort deshalb einfach: weitermachen. Weiter unterhalten, weiter Lebensfreude verbreiten, weiter anecken. „Drag zeigt doch einfach nur, wie bunt das Leben sein kann“, sagt sie. „Wie lustig, wie bunt, wie toll und dass jeder auch so sein darf, wie er sein möchte.“





