„Facebook verändert unsere Jugend“ lautet die immer lauter werdende Kritik am allseits bekannten sozialen Netzwerk. Es zerstöre die wahre Freundschaft, man kenne nicht mehr den Unterschied zwischen Freunden und Bekannten und vor allem junge Leute träfen sich nur noch über Facebook miteinander. Was ist wirklich dran an diesen Vorwürfen? Ein paar Fallbeispiele, direkt aus dem Leben gegriffen.
Wenn ich das Facebook-Profil – Entschuldigung, die Chronik – einer jungen Bekannten besuche, sehe ich sofort den Beweis dafür, dass sie zwar sehr viele Facebook-Freunde hat, diese aber alle persönlich kennt.
„Du bist Lisa* und gehst auf meine Schule.“
Dafür sorgen die „Du bist…“-Sätze, das neueste Phänomen, das sicherlich keiner kennt, der keine jüngeren, pubertierenden Geschwister hat. „Du bist Lisa* und gehst auf meine Schule.“ „Du bist ein Mädchen und ich habe dich im Reiturlaub kennen gelernt.“ Diese und andere Sätze dieser Art bevölkern ihre Chronik und zeigen mir, dass sie einige ihrer Freunde tatsächlich kennt. Oder sie schon mal gesehen hat. Oder, dass diese zumindest schlau genug sind, ihr Geschlecht und ihren Namen auf ihrer Chronik zu finden – das ist doch schon mal beruhigend.
Man kann an diesen Sätzen auch durchaus einen Unterschied zwischen Freunden und Bekannten erkennen. Als Bekannter bekommt man nur einen „Du bist…“-Satz, der sagt, woher man sich kennt, als Freund hingegen bekommt man einen „Du bist…“-Satz, in dem gesagt wird, was man als Letztes zusammen erlebt hat.
Ein Facebook-Post ist gar nicht so einfach…
Damit kommen wir dann auch schon zum nächsten Kritikpunkt, die Jugendlichen träfen sich nur noch über Facebook miteinander und das soziale Netzwerk beeinflusse sie viel zu sehr. Dem muss ich widersprechen, sehe ich doch ziemlich häufig junge Leute, die sich persönlich treffen. Erst letzte Woche saßen zwei mit mir im Zug und sie wären tatsächlich noch mit zwei anderen verabredet gewesen, wenn diese sich nicht verspätet hätten. Das durften ich und der ganze Rest des Zugabteils herausfinden, als es darum ging, was genau sie denn jetzt wegen dieser Verspätung auf Facebook posten sollten. Der genaue Wortlaut ist dabei sehr wichtig, habe ich gelernt: Ein falsches Wort, und die anderen beiden sind sauer und kommen gar nicht mehr nach.
Okay – man hätte darauf verzichten können, überhaupt etwas zu posten, aber das wäre dann doch zu einfach gewesen. Deswegen: „Daumen hoch“ für die vielseitigen Überlegungen der beiden und ich hoffe, sie konnten den Balanceakt zwischen dem etwas provokativen, aber bloß nicht zu fiesen Facebook-Post noch lösen und hatten dann einen schönen Abend, hoffentlich zu viert.
…und manchmal auch völlig sinnlos.
Auch bei mir selbst merke ich so etwas immer wieder. Wenn ich mit meinen Freunden über etwas diskutiere – ein besonders gutes Beispiel ist die Frage, ob man „Pfannkuchen backen“ oder „Pfannkuchen braten“ sagt – kommt manchmal jemand auf die Idee, das Ganze doch einfach auf Facebook zu posten. Gesagt getan, und damit ist die Diskussion für uns dann, zumindest im direkten Gespräch, abgeschlossen. Im Laufe des Abends holt dann aber doch jeder irgendwann sein Smartphone heraus, um seine Meinung auch auf Facebook noch einmal zu unterstreichen, oder auch noch mal was ganz anderes mitzuteilen. Nicht genau so, aber doch so ähnlich, gelangen viele Dinge, über die wir uns unterhalten, immer mal wieder zu Facebook.
Aber was ist das Problem dabei?
Das alles ist zwar nicht unbedingt nötig, ich verstehe aber nicht ganz, worin viele Leute das Problem sehen. Natürlich, man muss immer aufpassen und eine klare Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem ziehen. Viele junge Leute nutzen soziale Netzwerke immer häufiger und immer prägender, das ist neu und das ist anders – aber bedeutet das sofort, dass es schlechter ist? Selbstverständlich sollte jeder sich darüber bewusst sein, was er da gerade für viele sichtbar von sich preisgibt. Ich will auch gar nicht leugnen, dass es viele gibt, die genau das noch nicht verstanden haben – und deren Bewusstsein muss sich selbstverständlich ändern. Wenn man von diesen Nutzern aber einmal absieht, bieten gerade soziale Netzwerke viele Möglichkeiten, sich seinen Freunden und Bekannten mitzuteilen, auch ohne dass man dabei gleich sehr private Dinge veröffentlicht. Unsere Freundin, die weiter weg studiert, kann sich so zum Beispiel darüber amüsieren, was für verquere Diskussionen wir schon wieder führen und meine Schwester kann ganz einfach den Kontakt zu ihren Freundinnen aus dem Urlaub halten. Man sollte im Bezug auf soziale Netzwerke also nicht gleich den Teufel an die Wand malen, sondern auch die positiven Seiten betrachten.
*Namen von der Redaktion geändert
Jelena Kuhn





