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So is(s)t Europa

11. Oktober 2012

Über 700 Millionen Einwohner auf rund 10.180.000 Quadratkilometern. Menschen in Europa, die sich über 50 Ländergrenzen hinweg über Götter und die Welt unterhalten. Vielfalt? Pur! Und alle Europäer  tun eines mehrmals am Tag, sie essen – aber wie?

Vielleicht tun sie es allein at home auf der Couch in Schottland, à deux im Lokal um die Ecke bei Kerzenlicht in Frankreich, mit der Großfamilie nel giardino in Süditalien oder einfach so mit Fremden auf der Straße in der Türkei. Die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahm verbindet alle Menschen  – und trennt sie gleichzeitig voneinander. Traditionen und Vorlieben, wie Körper und Geist durch die richtige kulinarische Zubereitung gestärkt werden können, entfalten ganze Kulturräume.  Europa ist kein köchelnder Melting Pot, der einen Einheitsbrei fabriziert und uns zu europäischem Fastfood an den Tisch bittet. Was sich hinter und zwischen den Ländergrenzen finden lässt, sind vollkommene Esskulturen. Es sind lange am Menschen gereifte Kulturen, stark im Geruch wie ein Schweizer Berggouda und knallig in ihren Farben wie das Obst und Gemüse auf den Wochenmärkten unserer Länder.  So oder so, was läge da näher, als sich einiger Lieblingsklischees dieses bunten Kontinentes zu bedienen und sich einen Moment lang an ihren Köstlichkeiten abzuarbeiten.

 

Deutschland: Kernig, braun und knusprig kommt eben besser an, als weiß und wabbelig

Arbeiten? Wessen Leben sich größtenteils um die Arbeitswelt und die Karriere dreht, der braucht Kraft und Energie. „Du bist was du isst“, heißt es in Deutschland. Daher braucht Landsfrau- und mann Kohlehydraten und etwas Festes zwischen die Beißer – und zwar täglich. Nicht ohne Grund ist das Vorkommen vollkornhaltiger Gebäckteilchen im deutschen Kulturraum unvergleichlich hoch. Der Bäcker wartet an jeder Ecke auf hungrige Mittagspausler, die aus ihren Bürotürmen stürmen und auf hektische Afterwork-Kunden, auf dem Weg in die heimischen vier Wände. Der Job hat bei vielen Deutschen hohe Priorität und nimmt viel Zeit  in Anspruch. Da ist nichts Halbes ausreichend, da muss was Ganzes her! Möglichst dunkel muss das Brot daher, aus vollem Korn bestenfalls.  Und übersät mit geschroteten Körnern bei denen der Deutsche, mal Hand auf Herz, doch zwischen Weltmeisterecke und Dinkelroggenstange gar nicht mehr identifizieren kann, was sich da auf dem Rand der Stulle eigentlich herumtreibt. Oder doch? Aber darum geht auch gar nicht. Kernig, braun und knusprig kommt bei den Deutschen eben besser an, als weiß und wabbelig. Lässt das Wetter schon keine Chance auf Bräune erhoffen, dann doch wenigstens ein backfrisches Minibrot, das Vollkornbrötchen. Und wer den Klassiker am Morgen, Mittag oder Abend nicht mehr sehen kann, der weicht eben aus – auf Vollkornmüsli, Vollkornkuchen, Vollkornriegel, Vollkornnudeln. Vermeintlich genauso einfach sollen auf Europas viertgrößter Halbinsel frische Pizza und Pasta zu finden sein.

 

Wer im Zentrum von Rom nach guter italienischer Küche sucht wird arm

Ein altes römisches Sprichwort sagt: „Alle Wege führen nach Rom“. In antiker Zeit wurde damit auf die Macht der europäischen Metropole hingewiesen, auf das Zentrum der katholischen Kirchen und der damals empfundenen Zivilisation Europas. Wie zivilisiert die Stadt 400 nach Christus oder heute wirklich war und ist, sei dahingestellt. Kulinarisch gesehen sollte es jedoch besser heißen: „Alle Wege führen aus Rom hinaus“. Wer im Zentrum von Italiens Hauptstadt nach guter italienischer Küche sucht, wird entweder schwer fündig oder schwer arm. Das wahre Herzstück Italiens liegt außerhalb der Innenstadtbezirke, in den Vororten der Stadt und auf dem Land. Während sich in den Zentren der Großstädte die Touristen knubbeln, feiern und essen die Italiener gern im Familienkreis. Dabei fallen mangiare und festeggiare fast immer zusammen. Egal ob Dorfjubiläum, Hochzeit oder Freitagabend, hier wird richtig gekocht. Das gemeinsame Essen steht im Mittelpunkt, wann immer dafür Zeit ist. Das Lieblingsgebäck wird von der Pizzeria nebenan bezogen. Groß und rund gibt auf eine Pizza über viele Winkeln gleichzeitigen Zugriff. Sie dient als das perfekte Familienessen. Und über ihren hauchdünn mehlbestäubten Teigrand hinweg lässt es sich fantastisch gestikulieren: Händefrei, lästiges Besteck ist was für Nordeuropäer. Schlicht wird die Pizza gern gegessen, entweder als Margherita oder einfach nur rot als Pizza Rossa. Schließlich handelt es sich bei dem weltweit geliebten Nationalgericht um ein Kunstwerk – Pizzabäcker, die nicht die Rezepte alla mamma heraus kramen und noch immer auf fluffige Böden stehen oder gar Gouda auf der Pizza ausbreiten, sind ausschließlich außerhalb Italiens Landesgrenze zu finden.  In wohl keinem anderen Land Europas wird, wie in Italien, so stilvoll und leidenschaftlich über die perfekte Tinktur auf einem Teigfladen diskutiert – und über die Liebe.

 

Portugal: Quatschen ist unerwünscht, Schlürfen und Schmatzen hingegen okay

Diskutiert wird in Portugal noch über andere menschliche Erzeugnisse. Die Portugiesen spielen sehnsuchtsvoll Musik neben dem Esstisch. In Porto, wie in anderen Küstenstädten, trifft man sich jeden Dienstag am Hafen in Annas Bar. Wenn hier der volkstümliche Fado Gesang aus den Kehlen der alten und vereinzelt auch jungen Frauen und Männern erklingt, schweigt in der Umgebung alles. Quatschen ist unerwünscht, ein Schlürfen und Schmatzen hingegen sei jedem gegönnt. Dafür sind die kleinen frittierten Köstlichkeiten einfach zu gut: Paniert und ummantelte Krabben, Sardinen, Fisch- und Fleischbällchen. Dazu gibt es Bacalhau, portugiesischen Stockfisch. Klein müssen die Delikatessen hier sein und handlich. Keiner möchte die feinen Klänge mit Tellerklirren oder Besteckgeklapper unterbrechen. Schließlich besingen die Portugiesen mit dem Fado eine vergangene Kultur der Seefahrt und die Sehnsucht, die noch immer in ihren Herzen brennt. Kein Wunder, dass Fisch im Brötchen nie besser schmeckte als in Portos Seemannsstuben.

Und während es in unseren Stuben duftet, schmeckt, klingt und einfach gut aussieht, fragen wir uns: und wie is(s)t man eigentlich in Holland, Polen, Spanien, Dänemark, Frankreich, Tschechien, Schweden, Rumänien, der Schweiz, England, Norwegen, der Türkei, Griechenland, Österreich, Finnland, Irland…

Almut Eckhof

 

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