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Kolumne: Der kleine Voyeur

10. Oktober 2012

Psst, schalt den Fernseher an. Ich bitte dich, nun mach schon! Ich brauch das jetzt. Was läuft denn grad? Oh ja, das ist eine meiner Lieblingssendungen. Wobei…
Eigentlich ist es egal; richtig mieses Programm findet man jeden Tag der Woche zu jeder Uhrzeit, man muss nur suchen. Vormittags ist es, zugegeben, noch ziemlich langweilig, nur Wiederholungen. Aber nachmittags geht’s dann richtig los: Familien im Brennpunkt, Familien in Geldnot, Familien mit schwangeren Teenies, dicke Familien, reiche Familien, und das alles Mitten im Leben! Einfach nur herrlich, aber der Abend ist mir immer noch die liebste Tageszeit. Da kommen nämlich all die einfallsreichen Casting-Shows, hübsch über das Jahr verteilt, in denen auf den Träumen der Menschen herumgetrampelt wird, dass es eine wahre Freude ist!

Jetzt gerade auch wieder – Blamieren um die Wette, zehnmal die Tonleiter rauf und runter. Aber echt: Wer sich mit so einem Pickelgesicht vor ganz Deutschland stellt, ist doch selbst schuld!

 

Ein Glück, dass wir nicht so blöd sind, du und ich.

 

Das ist Entertainment, davon lebe ich. Das Leid auf dem Bildschirm schmeckt süß wie Schokolade, nur dass du davon keine Pickel bekommst, wie diese Pubertätsopfer auf ProSieben. Ich hänge am Fernsehtropf, kriege nie genug. Koma-Saufen und Hartz 4 – das ist der Stoff, der mich am Leben hält.

Jetzt schau mich nicht so an, ich mache das Programm schließlich nicht! Die Fernbedienung liegt gleich neben deiner Hand. Schalt um, wenn du willst. Du bist ein freier Mensch. Und irgendwo läuft bestimmt ein guter Film, es ist schließlich Prime-Time…

Hahaha, kleiner Scherz! Nein, heute Abend gehörst du mir – es läuft absolut nichts Gutes im Fernsehen. Nur Tränen, Make-up und fiese Sprüche. Und wenn du ehrlich bist, willst du es doch auch. Du bist fasziniert und angeekelt. Es ist wie damals, als du ein überfahrenes Tier auf der Straße gesehen hast und einfach nicht weggucken konntest. Du tust entrüstet, aber ich weiß es besser!

 

Ich kenne dich, denn ich bin du.

 

Ich bin die schmutzige kleine Schadenfreude, wenn jemand vor dir ungeschickt auf die Nase fällt. Ich bin die Neugier und das Nervenkitzeln, wenn du die Nachbarn heimlich durch das Fenster beobachtest. Ich spanne durchs Schlüsselloch, was du dich im echten Leben natürlich nie traust – aber gib’s zu, du hast oft daran gedacht!

Wir brauchen das. Wir schauen auf das Elend anderer Menschen und fühlen uns selbst besser. Wir sind nicht die Einzigen mit einer schiefen Nase, kleinen Brüsten, Geldsorgen, Liebeskummer, dem musikalischen Talent einer Kettensäge. Es gibt noch mehr wie uns da draußen, sie lächeln uns durch die Kamera zu. Du denkst, dein Leben ist schlecht? Schau zwei Stunden fern und du wirst merken – es ist alles gar nicht so schlimm.

Und jetzt sei still, ich will das sehen.

 

Alice Echtermann

 

 

 

 

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