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Grölen und Schunkeln

11. Oktober 2012

“Osterholz-Scharmbeck sucht den Superstar” – meinen Vater

 

Ich wohne schon länger nicht mehr in dem mittelgroßen Ort in dem ich aufgewachsen bin. Schon damals, als ich hier noch zur Schule ging, war ich kein Fan von Stadt-, Erntefest und Co. Heute aber bin ich extra aus Bremen angereist, um vielleicht meinen gesellschaftlichen Tod zu sterben. Osterholz-Scharmbeck sucht den Superstar steht auf dem Programm. Nein – ich nehme natürlich nicht selber teil. Schlimmer. Mein Vater. Nennen wir ihn einfach mal „Olli Beck“. Olli Beck ist im normalen Leben ein Bankkaufmann, in seinem Kopf aber ein verkannter Rockmusikstar. Wie er mit der Kombi auf die Teilnahme an einem Schlagerwettbewerb gekommen ist, bleibt mir schleierhaft. Es gibt nur ein Lied, dass die Kandidaten singen dürfen – besser gesagt die drei Finalisten. „In Obecks geht´s doch auch!“.

Nachdem ich mich neben meine Mutter und Schwester gepflanzt habe – tunlichst darauf bedacht von niemandem entdeckt zu werden – stößt meine beste Freundin zu uns. Blankes Entsetzen angesichts der tumultartigen Masse von Dorfbewohnern steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie ist Wahl-Hamburgerin seit einigen Monaten. Als sie neben mir sitzt, spricht sie endlich das aus, was alle an unserem Tisch denken: Was zur Hölle machen wir hier???! Nun gut. Olli Beck und seine Konkurrenten werden zur Bühne gerufen, die Auftrittsreihenfolge wird ausgelost – dritter Startplatz für meinen Erzeuger. Er ist nicht zufrieden, denn die Leute haben den „Song“ dann ja schon zweimal gehört. Die kriegen eh nicht viel mit bei dem Pegel, denke ich insgeheim, schweige aber und versuche aufmunternd zu lächeln, da kotzt ein Jugendlicher neben uns auf den Boden.

 

Mein Vater geht auf die Bühne und vollbringt das Unfassbare

Kandidat eins singt mit schmetternder Stimme die Hymne, um die Jury – bestehend aus Bürgermeister und dem Ehepaar, dem das größte Fitnessstudio im Ort gehört – zu begeistern. Tatsächlich schunkeln gerade die Ältesten begeistert mit. Hier und da wird eine Maß gehoben. Zwei besoffene Omas singen beim zweiten Refrain sogar mit. Der Mann auf der Bühne erlebt anscheinend gerade einen Lebenshöhepunkt. Kandidat zwei kann den Text leider nicht wirklich und hört sich an, als wenn er Helium-Luftballons raucht. Die Menge ist ungnädig, und applaudiert am Ende nur zaghaft. Mein Vater läuft währenddessen wie ein Tiger im Zoo auf und ab. Er scheint das richtig ernst zu nehmen. Na gut wenigstens einer. Und tatsächlich: Als er auf die Bühne geht, vollbringt er das Unfassbare: Zuerst schreit er in sein Mikro und fordert alle zum MITMACHEN auf. Eine ältere Dame in der ersten Reihe bekommt einen fürchterlichen Schreck. Und dann erklingt zum dritten Mal dieses furchtbare Obecks Lied. Während er singt rennt mein Vater wie von der Tarantel gestochen durch die Bankreihen, tanzt mit ein paar entzückten Damen und schunkelt mit den Herren. Die Menge tobt – ach was sie erwacht aus einer Schnaps- und Korn-Lethargie und zum ersten Mal versteht man sogar den Text! Welch ein Erfolg – welch ein Triumph! Die Jury zieht sich zurück, doch wir wissen jetzt schon wer gewinnt!

 

Sieg der Euphorie

Von der Euphorie gepackt begeben meine Freundin und ich uns auf die Tanzfläche – „Was machen wir hier?“- „Wir haben nicht mal was getrunken?!“- „Egal, komm einmal machen wir das jetzt!“ Und dann tanzen wir eine halbe Stunde zu Andrea Berg, dem roten Pferd, und Schatzi schenk mir ein Foto! Wir, die zwei Großstädter, und wir haben verdammt nochmal richtig Spaß. Am Ende gewinnt Olli Beck den ersten Platz, dotiert mit 200 Euro und wird dazu verdonnert das Lied im Studio aufzunehmen. Hurra! Etwas später verlassen wir das Festzelt. Geniert wechseln die Hamburgerin und ich Blicke. „Lass uns einfach so tun, als wenn das nie passiert ist.“ Sie grinst. „Hey weißt du was? In Obecks geht’s doch auch!“

 

Lisa-Marie Siewert

 

Bildquelle: Joujou (pixelio.de)

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