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Die schöne neue Partykultur

11. Oktober 2012

„Ist das hier Spaß oder kein Spaß? Ich würde ehrlich kommen.“
„Kein Spaß. Todernst.“
„Jeder der kommt, soll sich Alk mitbringen, wenn er nicht gerade nüchtern rumeiern will.“
„Ist der Veranstalter gerade besoffen oder hat ’ne Wette verloren, oder warum die Aktion?“
„Ne, einfach nur so. 3 Wochen sturmfrei!!!“
„Ich kann nicht in Worte fassen, wie dämlich du bist.“
„Der Veranstalter will anscheinend seine Wohnung umgestaltet haben!“
„Leute, ich hoffe ihr wisst, wie man in ein Klo oder auf die Straße kotzt. Wer mir in die Bude kotzt, kann auf den Zug am Bahnhof warten!!“
„Ich seh’ schon, dass wir uns sinnlos betrinken, Alter. Aber wird nice.“
„Krasse Sache, dass du sowas machst, ich freu mich schon drauf!“
„Projekt Absturz…“
„Eskalation!!!“

 

Das Phänomen Facebook hat die Welt erobert. Das soziale Netzwerk macht vieles anders. Jeder kennt jeden, niemand kennt sich. Der Begriff „Freunde“ wird neu definiert – wenn jeder mehrere hundert davon hat und nur die Hälfte je persönlich zu Gesicht bekommen hat. Um eine Party zu schmeißen, wird nicht mehr herumtelefoniert, es werden keine Einladungskarten mehr gebastelt – nein, es genügen ein paar Klicks. Mehr noch: Jeder, der Lust hat, kann sich selbst einladen, so es die „Sichtbarkeitseinstellungen“ einer Veranstaltung auf Facebook erlauben. Und plötzlich stehen mehrere hundert „Freunde“ im Hausflur und auf der Straße, trampeln im Garten herum, hinterlassen Müll, pinkeln in die Ecken und feiern bis die Polizei kommt.

Seit circa einem Jahr werden solche „Facebook-Partys“ auch in Deutschland immer populärer. Im Juni 2011 lud die 16-Jährige Thessa aus Hamburg zu ihrer Geburtstagsparty auf Facebook ein – und setzte den Status der Veranstaltung versehentlich auf „öffentlich“. Schwups, wurde ihre Party von über 1.500 fremden Jugendlichen gestürmt und artete zu einer ungewollten Großveranstaltung aus, obwohl das Mädchen all diese Leute gar nicht eingeladen hatte. Der Fall machte große Schlagzeilen. Erwachsene schütteln wohl den Kopf – die Jugendlichen nehmen sich jedoch ein Beispiel und kündigen gezielt solche Privatpartys für jedermann an. Spätestens seit dem Kinofilm „Project X“ aus den USA sind aus dem Ruder gelaufene Partys absolut „in“.

Je mehr Chaos, desto besser. Facebook-Partys bieten den Kick der Anonymität und des Extremen.

Wenn man sich bisher auf Partys daneben benahm, hatte man ein schlechtes Gewissen und kam am nächsten Tag zum Putzen vorbei. Jetzt lässt man bewusst alle Hemmungen fallen. Ein fremdes Haus oder öffentliche Plätze, fremde Menschen. Wer räumt den Saustall wieder auf? Egal, nach uns die Sintflut.
Bemerkenswert ist die Art, wie man sich verabredet, die Regelmäßigkeit und die Systematik, die dahinter steckt. Vergangenes Jahr mochte es noch ein Versehen sein, wenn junge Leute ihre Partys öffentlich machten. Inzwischen hat das Ganze jedoch meistens Methode. Und egal ob sich wie in Ebersberg 150, wie in Freiburg 300 oder wie in der Stadt Backnang bei Stuttgart rund 1.000 Jugendliche treffen – es bleibt nicht bei der harmlosen Feierei. Wenn die Polizei nicht ohnehin schon vor Ort ist, rückt sie spätestens an, wenn die Party durch betrunkene Randalierer aus dem Ruder läuft. Nach Informationen der „Badischen Zeitung“ liefen die Feierwütigen in Freiburg auf einer Bahnstrecke herum, so dass diese kurzzeitig gesperrt werden musste. Durch solche Großeinsätze der Polizei und Sachschäden entstehen enorme Kosten. Da hört bei den Behörden der Spaß auf. Sie wollen die Verantwortlichen der Party drankriegen. Und meist finden sie sie auch. Plötzlich ist es aus mit der scheinbaren Anonymität und es drohen Bußgeldverfahren oder sogar Zivilklagen. Die zu bezahlenden Rechnungen liegen oft im sechsstelligen Bereich – ein harter Brocken für die Jugendlichen, die teilweise noch unter 18 Jahre alt sind.

Der Hype um die Facebook-Partys nimmt zu.

Negativ auf Seiten der Behörden, die immer härter auf die Aufrufe reagieren, positiv bei den Jugendlichen, wo das Konzept immer mehr Nachahmer findet. Man könnte fast von einem Wettkampf des schlechten Benehmens sprechen – wenn es die eigene Party nicht durch Randale und Polizeieinsatz in die Medien geschafft hat, war es wohl keine gute Party.
Das Ganze nimmt absurde Züge an. Wie „Spiegel Online“ berichtet, wurde eine Facebook-Party im Strandbad von Konstanz schon vorab von der Stadt verboten, weil sich tausende Teilnehmer angekündigt hatten. Mit einem Großeinsatz der Polizei wurde das Gebiet abgesperrt. Der Witz an der Sache: Am Ende kamen nur rund hundert Gäste. Dennoch droht dem Verantwortlichen jetzt eine Zivilklage. Seine Wohnung wurde durchsucht und sein Computer und sein Handy beschlagnahmt. Die Stadt und die Polizei wollen auf den entstandenen Kosten von ca. 200.000 Euro nicht sitzen bleiben.
Facebook-Partys sind unberechenbar. Manchmal klicken tausende auf „Teilnehmen“ und es erscheint nur ein Bruchteil – manchmal artet das Ganze jedoch auch total aus. Wie soll die Polizei das wissen? Doch es ist zu beobachten, dass die Größe der Partys abnimmt. Vielleicht nutzt sich der Trend allmählich ab. Es ist wahrscheinlich, dass die Facebook-Partys ihren Reiz verlieren, wenn irgendwann in jeder Stadt an jedem Wochenende drei davon stattfinden.

Alice Echtermann

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