• Home
  • Kulturbeutel
  • Kabelsalat
  • Kreativsee
  • Krossdenker
  • Dossier
    • Ausland
    • Festival
    • Serien
    • Tests
    • Nachhaltigkeit

Wer rettet Amerika?

5. November 2012

Ein Land und sehr begrenzte Möglichkeiten – die Vereinigten Staaten stecken tief in den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Vom neuen Präsidenten wird nichts weniger erwartet als ein Wunder. Ein Bericht über den Wahlkampf, das Fernsehen und Realitätsverlust.

 

Ein sonniger Samstagnachmittag in der Fußgängerzone von Santa Monica, Kalifornien. Zwischen Straßenkünstlern und Palmen steht ein Klapptisch, bedeckt mit rot-blau-weißen Stickern und Buttons: BARACK OBAMA 2012. Einer der Fußgänger reicht eine Dollar-Note über den Tisch. Der weißhaarige Mann hinter dem Tisch nickt dankend und steckt sie in eine Papp-Box mit der Aufschrift: SPENDEN.

Szenenwechsel: Wie jeden ersten Freitag im Monat ist Straßenfest im Downtown-Bezirk von Las Vegas, Nevada. In den Straßen wimmelt es von angeheiterten Jugendlichen. Dazwischen stehen Menschen mit Klemmbrettern und sprechen die Vorbeigehenden an: „Hey, wie geht’s dir? Hast du dich schon für die Wahl registrieren lassen?“
Am 6. November 2012, entscheidet sich die Wahl des neuen Kongresses und des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten und die Medien kennen nur noch ein Thema. Wahlspots, Kandidatenduelle, Diskussionen und Einschätzungen laufen im Fernsehen Dauerschleife, bis auch das letzte Bisschen Klarheit beseitigt ist. Und wie so oft setzen die beiden Parteien im Wahlkampf nicht nur auf Inhalte, sondern vor allem auf die Ausstrahlung ihres Kandidaten für das Amt des Präsidenten.

 

Yes, we can! – oder doch nicht?

So war es bereits bei der Wahl 2008. Große Hoffnungen hingen an den charismatischen Barack Obama, als er ins Weiße Haus einzog. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig, die Finanzkrise war gerade ausgebrochen. Dennoch versprach Obama Rettung und noch mehr – er versprach nichts weniger als ein neues Amerika. Er wollte Guantanamo schließen, die zwei Kriege seines Vorgängers in Afghanistan und im Irak beenden, eine gesetzliche Krankenversicherung einführen. Die Welt war begeistert: Der erste schwarze Präsident und die Hoffnung, dass er tatsächlich alle seine Wahlversprechen umsetzen würde. Yes, we can! Später stellte sich heraus, dass auch ein Obama nicht zaubern kann. Die Arbeitslosenquote stieg während seiner Amtszeit und liegt momentan bei etwa 8 Prozent. Die Staatsverschuldung in den USA ist im Jahr 2012 höher als jemals zuvor (Quellen: Bureau of Labour Statistics Data/Statista.com).
Obamas Haare sind sichtlich grauer als noch vier Jahre zuvor und nun steht seine Wiederwahl auf dem Spiel. „Wir haben zu viel durchgemacht, um jetzt umzukehren“, beschwört er seine Wähler Anfang März in einer Wahlkampfrede in Ohio. „Wir müssen weiter vorwärts gehen, in die Zukunft, von der wir 2008 träumten, in der jeder seinen fairen Anteil bekommt und jeder seinen fairen Anteil leistet und jeder nach denselben Regeln spielt!“ Er versucht es weiterhin, doch sein strahlendes Image ist mehr als angeknackst.

 

Inhalte sind Nebensache

Obamas Scheitern ist Wasser auf die Wahl-Mühlen der Republikaner. Das Credo ihres Kandidaten Mitt Romney: Obama hat seine Versprechen nicht gehalten. Der Multimillionär ist heute in der dankbaren Rolle des Kritikers und scheut sich ebenfalls nicht vor vollmundigen Versprechungen. Natürlich würde er es besser machen! Er wird Jobs schaffen, die Steuern senken, Obamas Krankenversicherung wieder abschaffen und das Militär aufbauen, damit es wieder bergauf geht mit Amerika. Wie er das schaffen will, darüber bleibt er sehr vage. Doch das interessiert seine Anhänger nicht – immerhin wirkte er im ersten Kandidatenduell unheimlich „selbstsicher“ und „energiegeladen“, während Obama ständig zu Boden blickte und „nervös“ war, richtig? Minutenlang schaltet der Sender FOX NEWS nach dem Duell zu verschiedenen Experten, um ausführlich die Körperhaltung des Noch-Präsidenten und seines Herausforderers zu analysieren. Inzwischen hat auch der letzte Zuschauer vergessen, was die beiden eigentlich gesagt haben.

 

Grotesk, aber publikumswirksam

Alles in allem fällt auf, dass der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten eine gute Portion Pragmatismus nötig hätte. Ein Mann allein kann nicht alle retten. Doch Realität spielt keine große Rolle in diesem Land und vor allem nicht im Fernsehen. Stattdessen wird das Ganze zu einer bunten Schlammschlacht aufgebauscht. Offenbar ist es wichtig für Amerikas Politik, wenn Mitt Romney vor laufender Kamera Pizza ausliefert. Oder dass Hollywood-Star Clint Eastwood eine Anti-Obama-Rede auf dem Parteitag der Republikaner hält.
Aber auch die Demokraten sind nicht über jeden Zweifel erhaben. Auch sie holen sich prominente Unterstützung. So sammelte George Clooney höchstpersönlich Spendengelder für Obamas Kampagne. Und kürzlich machte Obama sich für den Vogel „Bibo“ aus der „Sesamstraße“ stark, nachdem Romney im Fernsehduell angekündigt hatte, dem öffentlich-rechtlichen Sender PBS Gelder zu streichen, auf dem die Kindersendung ausgestrahlt wird.
Und über die gesamte Wahlkampfzeit hinweg wird von beiden Parteiseiten in Wahlwerbespots fröhlich gegen den Rivalen gewettert, inklusive Name und Foto der unerwünschten Person. Spot Nummer Eins: Schaut her, dieser Mensch ist nicht gut für dieses Land! Gleich im Anschluss Spot Nummer Zwei: Eben jener Mensch wirbt nun in eigener Sache. Wer hätte gedacht, dass die Werbepause so verwirrend sein kann?

 

Die Politikverdrossenheit nimmt zu

Besonders junge Leute reagieren auf dieses Hin und Her mit Unmut. Wer bereits seit zwanzig Jahren die Demokraten wählt, den mag die Medien-Schlacht nicht mehr aus dem Konzept bringen. Aber wer sich tatsächlich eine Meinung bilden möchte, steht allein da.
„Es ist einfach nur lächerlich“, findet Jorge, 21 Jahre alt und Journalismus-Student in Las Vegas, Nevada. „Du weißt genau, dass der eine Sender für die Demokraten ist, der andere Sender für die Republikaner. Man kann kein Wort glauben.“
Im gesamten Bundesstaat Nevada ist die Wahlbeteiligung besonders niedrig. Die Straßen sind hier im Gegensatz zum Nachbarstaat Kalifornien geradezu mit Wahlplakaten gepflastert. Im Fernsehen laufen teilweise fünf Wahlspots hintereinander.
Jorge sagt: „Ich gehe nicht wählen. Ich habe das Gefühl, das betrifft mich alles nicht und es macht keinen Unterschied.“
Und scheinbar denken viele so wie er. Deshalb stehen in Las Vegas diese Menschen für 9 Dollar pro Stunde mit den Klemmbrettern am Straßenrand: um Wähler einzufangen. Da es in den USA keine offizielle Meldepflicht für Bürger gibt, wie es z. B. in Deutschland der Fall ist, werden keine Wahlbriefe per Post verschickt. Jeder, der wählen möchte, muss sich daher selbst registrieren, um sein Kreuz machen zu dürfen. Das erklärt, warum die Registrierungsmaßnahmen so wichtig sind und bedeutet auch, dass wählen zu gehen viel Initiative verlangt – vor allem von Menschen, die ohnehin nicht mehr an die Politik glauben. Vielleicht würde es helfen, wenn der Wahlkampf in den USA mehr auf politische Inhalte setzen würde, anstatt sich so oft auf Oberflächlichkeiten zu konzentrieren. Dann könnte das Fernsehen inmitten all der Show wieder eine Orientierungsfunktion erfüllen. Und das ist wichtig, denn was soll der ganze Zirkus, wenn am Ende die Amerikaner aus Frust nicht mehr zur Wahl gehen?

 

Alice Echtermann

  • twittern 
  • teilen 
  • mitteilen 
Share

Archiv

  • VERBINDE DICH MIT UNS

  • Recent Posts

    • Das Bild an der Wand
      14. Juni 2026
    • Rebellion gegen Grau
      7. Juni 2026
    • Breminale: Umsonst, draußen, chronisch pleite?
      2. November 2025
    • Kinder auf dem digitalen Präsentierteller
      21. September 2025
    • Am Leben vorbei. 
      7. September 2025


  • Das crossmediale Online-Magazin für den Nordwesten behandelt Themen aus Kultur, Medien, Freizeit und Gesellschaft. Kreativ erzählt, visuell aufbereitet und garantiert immer auf den Punkt.

  • Ressorts

    • Kulturbeutel
    • Kabelsalat
    • Kreativsee
    • Krossdenker
    • Dossier
  • Neueste Beiträge

    • Das Bild an der Wand
    • Rebellion gegen Grau
    • Breminale: Umsonst, draußen, chronisch pleite?
    • Kinder auf dem digitalen Präsentierteller
  • Weiteres

    • Impressum
    • Datenschutz
    • Über uns
    • Archiv

Made with ❤ by KROSSE in 2020