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„Smartphone-frei“

11. Oktober 2012

Hysterie ist keine Lösung – ein kleiner Denkanstoß als Quintessenz

Das Internet „verdummt“ die Menschen! Die „digitale Demenz“ zerstört die Jugend von heute! Es wird zu wenig miteinander gesprochen! Es gibt sogar Befürchtungen, dass das Gespräch aussterben könnte.

 

Das Süddeutsche Zeitung Magazin titelt „Wir sind zusammen allein“ in Anlehnung an Sherry Turkles Buch „Alone together“, das in Deutschland unter dem Titel „Verloren unter 100 Freunden“ veröffentlicht wird. Sie kritisiert, dass unser Selbstwertgefühl zunehmend von medienvermittelter Kommunikation abhängig ist. Von der Digital-Native-Generation werden derartige Ängste oft belächelt, nach dem Motto „Liebe Elterngeneration, werdet doch nicht immer gleich so hysterisch, nur weil ihr keine Ahnung vom Internet habt. Wir machen das schon.“ Wie soll es auch anders gehen, wenn man in das digitale Zeitalter hineingeboren wird?

Medikamentöse Medien

Dennoch bleibt die Frage nach dem WIE. Es geht vor allem um die Art und Weise, wie Jugendliche, ja die ganze Gesellschaft Medien nutzt. Schließlich sind auch beim Handeln mit Medien Risiken und Nebenwirkungen möglich. Genau wie in der Medizin und bei der Einnahme von Medikamenten. Medikamente werden dabei in der Regel über einen begrenzten Zeitraum eingenommen. Man erhält Hinweise zur Einnahme des Präparates von seinem Arzt, zusätzlich gibt es immer eine Packungsbeilage. Kommt es zu Unverträglichkeiten oder tritt keine Besserung ein, so folgt ein weiterer Arztbesuch: Es ist kein Experiment, bei dem man ausprobiert, was hilft. Das ist bei der „Einnahme von Medien“ weniger der Fall. Jeder führt sein eigenes Experiment durch. Forschungsobjekt ist man selbst und das eigene Handeln mit Medien. Uns wird kein Zeitlimit gesetzt. Medieninhalte stehen immer und überall zur Verfügung – ohne Packungsbeilage, abgesehen vom Jugendschutzgesetz, das wiederum ein anderes heiß diskutiertes Thema ist.

Das “Wenn ich wollte, könnte ich”-Gefühl

Bestes Beispiel ist das Smartphone. Wir haben es stets zur Hand. Es ist unser Begleiter. Ein Phänomen, das auch die Medienwissenschaftlerin Dr. Iren Schulz in ihrer Dissertation thematisiert. In einer Langzeitstudie beschäftigt sie sich mit den Erfahrungen von Jugendgruppen, die je eine Schul- und eine Ferienwoche ohne ihr Handy zurechtkommen mussten. Bei der Befragung der Jugendlichen wird die essenzielle Bedeutung des Handys für ihren Alltag deutlich. Damit ist allerdings keine immense Nutzungsdauer des Smartphones gemeint. Es wird sich vielmehr an die Möglichkeit des Kommunizierens geklammert – „wenn ich wollte, könnte ich“.

Bei Risiken und Nebenwirkungen – einfach mal das Smartphone weglegen

Man ist im Grunde also nie allein. Die Gefahr ist, dass wir uns an das Gefühl des „Nie-alleine-seins“ gewöhnen. Man wartet auf den Zug, der wieder einmal Verspätung hat, also wird das Handy oder Smartphone gezückt. Na klar, sonst ist es ja auch langweilig. Ich gebe zu, ein überzeugendes Argument. Aber was spricht dagegen, einfach zu warten? Was spricht dagegen, während der Zugfahrt nicht auf das Display irgendeines Gerätes zu starren? Geht die Welt unter, wenn man für ein bis zwei Stunden am Tag oder gar noch länger nicht erreichbar ist? Wer kennt dieses Statement nicht: „Geh‘ doch verdammt noch mal an dein Handy ran!“, „Warum bist du nie zu erreichen?“, „Ich hab‘ dir doch schon vor einer Stunde geschrieben, warum meldest du dich nicht?“ – Weil es auch noch andere Dinge im Leben gibt.

Medien haben einen hohen Stellenwert. Sie sind nicht mehr wegzudenken. Kultur und Gesellschaft wandeln sich. Für diese Veränderungen gilt es ein Bewusstsein zu entwickeln. Das Gespräch stirbt nicht von heute auf morgen aus und Hysterie sorgt nur für Panik und Chaos. Es sind immer noch wir, die mit den Medien handeln und ihnen einen Platz in unserem Leben geben. Im Grunde ist es unsere Entscheidung, wann, mit wem und wie wir mit jemandem kommunizieren und ob wir es überhaupt tun. Wir müssen unser Handy nicht sofort aus der Tasche ziehen, nur weil uns fünf Minuten Wartezeit bevorstehen oder wir gerade einfach mal so eine freie Minute haben – oder doch? – Probiert es aus! Ihr dürft Eure Smartphones vergöttern, aber ein wenig „Smartphone-frei“ am Tag schadet auch nicht.

Lena Karch

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