Preise im dreistelligen Bereich, innerhalb von Sekunden ausverkaufte Tickets und enttäuschte Fans. Konzerte waren mal für alle, doch heute entscheidet vor allem eins darüber, wer dabei sein darf: der Kontostand. Konzerte werden zum Luxusgut, und das sollte uns zu denken geben.
von Emilia Roggenkamp
Mit Freunden in der Menge stehen, tanzen und schief mitsingen, lauthals lachen und den Moment genießen. Wenn die Lichter ausgehen und der Lieblingskünstler endlich die Bühne betritt. An diese Abende erinnert man sich noch Jahre später. Für viele gehören Konzerte zu den prägendsten kulturellen Erlebnissen, denn sie schaffen Gemeinschaft, stiften Identität und vermitteln Zugehörigkeit. Doch diese Konzertkultur verändert sich seit einigen Jahren stark.
Als der britische Sänger Harry Styles seine neue Tour ankündigte, die sich auf sogenannten Konzertresidenzen in wenigen internationalen Metropolen beschränkte, war die Nachfrage enorm und die günstigsten Tickets innerhalb von Sekunden vergriffen. Wer sich davon nicht aufhalten lassen wollte, musste mehrere hundert Euro auf den Tisch legen, in Einzelfällen sogar über tausend Dollar. Ähnlich sah es bei Bruno Mars‘ Konzerten aus, der erstmals seit Jahren wieder in Deutschland auftrat. Hohe Preise und geringe Verfügbarkeit ließen viele Fans enttäuscht zurück. Während Konzerte früher vergleichsweise zugängliche Erlebnisse waren, entwickeln sie sich heute zunehmend zu einem Luxusgut.
Wie aus Nachfrage Ausgrenzung wird
Die Gründe dafür sind kein Geheimnis. Dynamic Pricing lässt Ticketpreise in Echtzeit teilweise explosiv in die Höhe schnellen, wodurch Plattformen wie Ticketmaster und Eventim die hohe Nachfrage direkt monetarisieren. Hinzu kommen strategische (Fehl-) Entscheidungen wie die Wahl zu kleiner Venues, was die ohnehin schon bestehende
Knappheit befeuert. Im vergangenen Jahrzehnt sind die durchschnittlichen Preise für Konzertkarten drastisch gestiegen, doch insbesondere seit der Corona-Pandemie sind sie nochmals sprunghaft in die Höhe geklettert und haben sich teils mehr als verdoppelt. Entscheidend für den Erfolg beim Ticketkauf sind heute die finanzielle Situation, zeitliche Flexibilität, eine gute Internetverbindung und nicht selten einfach Glück, denn häufig bestimmt bereits die Position in der digitalen Warteschlange, wer Tickets bekommt und wer leer ausgeht.
Besonders junge Menschen sind von dieser Entwicklung betroffen. Studierende, Azubis oder Schüler*innen verfügen oft nur über begrenzte finanzielle Mittel und stehen ohnehin schon unter dem Druck steigender Lebenshaltungskosten. Freizeit, Unterhaltung und Kultur bleiben dabei oft auf der Strecke, Konzertbesuche großer Künstler*innen sind für viele kaum noch realistisch. Neben Geld wird dabei auch Zeit zur Ressource: Ticketverkäufe finden häufig vormittags statt und können sich über Stunden ziehen. Wer dann arbeitet, in der Uni sitzt oder zur Schule geht, kommt zu kurz. Der Konzertbesuch hängt damit zunehmend von der eigenen Lebensrealität ab, in der Konzerte immer weniger Platz finden. Dabei ist Musik gerade in jungen Jahren eines der prägendsten kulturellen Güter und ein bedeutender Bestandteil der eigenen Identität. Das erste Konzert und das Gefühl von Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit inmitten von Fremden sind wichtige Erfahrungen, die für manche schlicht nicht mehr erreichbar sind.

Vom Gemeinschaftsraum zum Statussymbol
Wenn Konzerte zur Frage des Geldbeutels werden, verliert der einst offene Kulturraum „Konzert“ seinen inklusiven Charakter. Das Publikum wird homogener und die besondere Atmosphäre verliert ihre Vielfalt. Der Ort, an dem früher Gemeinschaft und Verbindung im Mittelpunkt standen, droht zum Statussymbol zu werden. Statt Erfahrung und Moment zählen Besitz und Exklusivität.
Zweifelsohne waren große Konzerte internationaler Stars nie alltäglich, das sollten sie auch nicht sein. Die Besonderheit macht einen großen Teil ihres Reizes aus. Doch besonders bedeutet nicht automatisch unzugänglich. Das Problem beginnt dort, wo
Exklusivität nicht mehr aus der Größe des Events entsteht, sondern aus finanziellen Hürden. Natürlich folgt auch die Konzertbranche wirtschaftlichen Logiken. Doch Kultur ist kein gewöhnliches Konsumgut. Ihr Wert bemisst sich nicht nur anhand von Umsätzen, sondern vor allem durch ihre Zugänglichkeit und Inklusivität. Wenn kulturelle Teilhabe ausschließlich vom Markt geregelt wird, entscheidet am Ende vor allem die Zahlungsfähigkeit darüber, wer dabei sein darf. Und genau darin liegt die Gefahr.
Was steht auf dem Spiel?
Wenn Konzerte zum Privileg werden, ist das nicht nur individuell frustrierend, sondern auch gesellschaftlich folgenschwer. Livemusik lebt davon, dass sie viele Menschen erreicht. Dass sie laut ist, chaotisch, offen und frei. Ein Ort, an dem Jung und Alt, Wohlhabende und Menschen mit weniger Geld für einen Abend zusammenkommen und gemeinsam den Moment genießen. Wenn dieser Raum immer stärker eingeschränkt wird, geht mehr verloren als ein Abend Unterhaltung. Dann verliert die Konzertkultur einen wichtigen Teil dessen, was sie eigentlich ausmacht.





