• Home
  • Kulturbeutel
  • Kabelsalat
  • Kreativsee
  • Krossdenker
  • Dossier
    • Ausland
    • Festival
    • Serien
    • Tests
    • Nachhaltigkeit

Das Bild an der Wand

14. Juni 2026

Loyalität in Marokko ist selten laut oder enthusiastisch. Sie zeigt sich im Mitmachen, im Nicht-Widersprechen und auch in Ritualen. Nicht unbedingt als Zwang – sondern als Gewohnheit.

von Malika Miess

Es ist 9 Uhr morgens und die Straßen von Tanger, einer Stadt im Norden Marokkos, erwachen langsam. Nach Tagen heftigen Regens und von Wasser gefüllten Schlaglöchern, scheint zum ersten Mal seit Langem wieder die Sonne von einem klarblauen Himmel. Die Luft scheint von dem entfernten Autoverkehr und dem immer wärmer werdenden Asphalt zu vibrieren. Reda S. wirft einen Blick auf das glitzernde Meer, bevor er seinen Bakkal aufschließt. Wasserkanister und beladene Kisten voller Obst und Gemüse werden in den kleinen Laden geschleppt. Im vorderen Bereich, direkt über der Kasse, hängt ein Porträt des Königs von Marokko – Mohammed VI, daneben eine Preisliste. Reda S. beachtet das Foto nicht einmal.

Damit gehört er zu dem Großteil der Marokkaner:innen in Marokko, die ein Porträt des Königs in ihrem Geschäft oder in ihrem Zuhause haben. Was passiert jedoch mit dem Bild? Nichts. Niemand kommentiert es. Niemand widerspricht. Die einzigen Personen, die das Bild ab und zu bewundern, sind zumeist vorbeiziehende Touristen. Was hier wie Gleichgültigkeit wirkt, ist politisch aufgeladen. Fotos von dem König müssen in jedem öffentlichen Raum hängen. Das ist Pflicht. Wie so vieles in Marokko.

Seitdem Mohammed V. Mitte der 50er Jahre aus dem Exil zurückgekehrt war, ist Marokko eine konstitutionelle Monarchie. Der jetzige König, Mohammed VI., ist sowohl Staatsoberhaupt als auch Amir al-Mu’minin, die religiöse Führungsautorität des Landes. Das Parlament wird zwar demokratisch gewählt, kann jedoch zu jeder Zeit vom König aufgelöst werden. Damit verfügt dieser über viel Macht – eine Macht, die sich im Alltag der Marokkaner:innen widerspiegelt, insbesondere im öffentlichen Raum. Denn Kritik am Regierungssystem ist nicht gerade erwünscht. Kritik am König zu äußern ist sogar illegal und kann strafrechtlich verfolgt werden.

Auch Reda S. spricht kaum über das politische Regime in seinem Land. Nicht mit der Familie und schon gar nicht mit Freunden außerhalb seiner vier Wände. Und genau an einem dieser Wände hängt ein Porträt des besagten (unterdrückenden) Königs. Was auf den ersten Blick als Zeichen der Loyalität verstanden werden kann, ist hier mehr eine tief verwurzelte und automatisierte Praxis der marokkanischen Gesellschaft. Und was wie Dekoration wirkt, ist Teil des politischen Alltags. Die kulturell verbreitete Praxis der Sichtbarkeit des Monarchen, dient damit eher als Sicherheitsmaßnahme als wahre Treue zum König.

Tanger ist eine Hafenstadt im Norden Marrokos.

Freie Meinung – oder lieber nicht?

Am Mittag stehen zwei junge Männer vor dem Laden und diskutieren über die steigenden Preise. Einer von ihnen sagt mit gedämpfter Stimme: „Der König müsste…“ – dann bricht er ab. Der Satz bleibt in der Luft hängen. Reda guckt von der Kasse auf, lächelt leicht und zeigt auf eine Kiste mit Tomaten. „Die sind heute frisch.“

Sätze wie diese haben oftmals kein Ende. Nicht, weil die Meinungen fehlen, sondern weil es feste Grenzen gibt, wo und wie sie ausgesprochen werden dürfen. Insbesondere Journalist:innen, Aktivist:innen oder Blogger:innen müssen aufpassen, was sie wo und wie sagen. Die Presse- sowie Meinungsfreiheit in Marokko ist laut Reporter ohne Grenzen stark eingeschränkt. Das marokkanische Magazin Telquel wie auch andere regimekritische Medien und Magazine wurden wiederholt in den letzten Jahren von der marokkanischen Regierung verleumdet und unter Druck gesetzt. Proteste werden nicht selten gewaltsam unterdrückt und zur Seite geschoben. Mit der Reaktion des Königs auf den arabischen Frühling wurde ein Präzedenzfall für den Umgang mit Kritik am marokkanischen System geschaffen. Was in vielen Ländern zu einem gesamten Systemsturz führte, führte in Marokko zu einer Verfassungsreform sowie vorgezogenen Wahlen. Die Position und damit auch die Macht des Königs wurde kaum angerührt. Veränderungen, wie die Sprache der Berber, die rund 80 Prozent der Bevölkerung Marokkos ausmachen, als Amtssprache offiziell anzuerkennen oder Menschenrechte in der Verfassung zu stärken, diente mehr der Besänftigung der Masse als wirklicher grundlegender Veränderung.

Große politische Veränderungen mögen in der Hauptstadt Rabat entschieden werden. In Redas kleinem Bakkal im Norden Marokkos zeigt sich Politik anders: im Schweigen. Kund:innen kommen, unterhalten sich kurz oder auch länger über ihre Familien und Freunde, und gehen. Sie kaufen Brot, Zigaretten oder Tomaten. Münzen klirren auf dem Tresen, draußen hupt ein Taxi. Der Tag nimmt seinen Lauf, ohne große Worte, weder zum König noch zum Regierungssystem insgesamt.

Bilder vom König sind in Marokko allgegenwärtig.

Getrennte Welten

Später am Nachmittag fährt Reda S. auf dem Weg zu Freund:innen am Königspalast vorbei. Er, mit seinem kleinen staubigen alten Auto auf der Straße, rechts neben ihm die lange blitzblanke Mauer, die das Leben der Marokkaner:innen von dem des reichen Königs trennen. Wie jeden Tag werden auch heute die Beete vor der Mauer gründlich gesäubert. Reda S. wirft noch nicht einmal einen Blick nach rechts und er versucht gar nicht erst, einen Blick auf den Palast zu erhaschen. Dieser ist von außen, für die einfache Bevölkerung, nicht zu sehen. Das Leben scheint nebeneinanderher zu verlaufen, aber in getrennten Welten. Und die Menschen? Sie nehmen es einfach hin. Jedenfalls fast.

Diese widerstandslose, fast schon passive Lebenshaltung der Menschen zeigt sich immer wieder. Bei Reda S. Einkaufstour durch Tanger am Abend, muss er Straßen umfahren und aufpassen, dass er nicht von Wasserschläuchen getroffen wird. Der König wird diese Woche in Tanger erwartet und bevor dieser nur einen Fuß in die Stadt setzen kann, wird jeder kleinste Winkel auf den großen Straßen geputzt und gesäubert. Die Bordsteine werden neu gestrichen und die grünen Wiesen noch grüner gemacht.
Das Putzen hier ist keine angeordnete Loyalität, sondern eine verinnerlichte. Eine Loyalität, die nicht eingefordert werden muss, weil sie längst Teil des Alltags ist.

Voraussichtlich schon bald werden für einen neuen König die Straßen Tangers hübsch gemacht. Moulay Hassan, der Sohn von Mohammed VI, tritt immer häufiger in der Öffentlichkeit auf. Nicht zuletzt auch beim African Cup, wo der junge Kronprinz im Regen stehend, die Spieler begrüßt.

Reda S. hält viel von dem jungen Mann, der womöglich in bereits naher Zukunft den Thron besteigen wird. „Er wirkt bescheidener als sein Vater“, sagt er und räumt Kanister voll Wasser aus dem beladenen Auto in seinen Bakkal. Auch hier, im Laden, taucht Moulay Hassan bereits auf. Neben dem Porträt des Königs klebt ein kleines Foto des Kronprinzen an der Wand des Geschäfts. Nach dem Entladen des Autos und dem Abschließen des Bakkals, geht Reda in ein Café um die Ecke. Hier verbringt er seinen Abend – mit einer Zigarette und einem Thé à la Menthe „Über die Regierung kann man reden“, sagt Reda S., die Stimme gedämpft. „Aber nicht über ihn.“

In Marokko gibt es eine unsichtbare Linie, die viele kennen, ohne sie je erklärt bekommen zu haben. Kritik ist möglich – bis zu einem bestimmten Punkt. Was genau gesagt werden darf und was nicht, wird selten offen besprochen. Man lernt es von klein auf. Zu Hause. In der Schule. Im Alltag. So entsteht eine Form von Loyalität, die nicht laut ist. Keine Jubelschreibe, keine Parolen. Sie zeigt sich im Schweigen, im Themenwechsel, im nebeneinanderher leben. Loyalität entsteht hier nicht durch ständige Zustimmung, sondern durch Gewöhnung. Durch Bilder an Wänden. Durch Reden, die man hört, ohne zuzuhören.

Spät am Abend, der Bakkal liegt im Dunklen. Es ist ruhig im Laden. Das Porträt des Königs hängt immer noch über der Kasse. Die Tomaten und Mandarinen verbreiten einen süßlichen Geruch. Das Bild hängt schief. Niemand richtet es gerade.

  • twittern 
  • teilen 
  • mitteilen 
DemokratieFreiheitGehorsamKönigMarokko
Share

Allgemein  / Ausland

You might also like

Landtagswahl Bremen: Klima-Programme im Vergleich
16. April 2023
Carsten oder Carsten-wer macht das Rennen?
3. Juni 2019
Carsten Meyer-Heder: Nicht lang schnacken- Anpacken!
25. Mai 2019
  • VERBINDE DICH MIT UNS

  • Recent Posts

    • Das Bild an der Wand
      14. Juni 2026
    • Rebellion gegen Grau
      7. Juni 2026
    • Breminale: Umsonst, draußen, chronisch pleite?
      2. November 2025
    • Kinder auf dem digitalen Präsentierteller
      21. September 2025
    • Am Leben vorbei. 
      7. September 2025


  • Das crossmediale Online-Magazin für den Nordwesten behandelt Themen aus Kultur, Medien, Freizeit und Gesellschaft. Kreativ erzählt, visuell aufbereitet und garantiert immer auf den Punkt.

  • Ressorts

    • Kulturbeutel
    • Kabelsalat
    • Kreativsee
    • Krossdenker
    • Dossier
  • Neueste Beiträge

    • Das Bild an der Wand
    • Rebellion gegen Grau
    • Breminale: Umsonst, draußen, chronisch pleite?
    • Kinder auf dem digitalen Präsentierteller
  • Weiteres

    • Impressum
    • Datenschutz
    • Über uns
    • Archiv

Made with ❤ by KROSSE in 2020