Seit November läuft sie wieder auf Hochtouren – die Kohl- und Pinkelfahrt-Saison. Diandra Goletz, eine waschechte Ganderkeseer Kohlkönigin, bringt es auf den Punkt: „Trockenes Wetter ist Pflicht und wenn’s richtig knacke kalt ist, schmeckt der Grünkohl am besten.“
Langsam neigt sich die Kohl- und Pinkelsaison dem Ende zu. Die wochenendlich gröhlenden, feiernden, manchmal auch Straßen blockierenden Fußgruppen werden weniger. Am Buß- und Bettag ist der offizielle Startschuss. Bis Ende Februar servieren die Gasthöfe im Nordwesten Deutschlands unzählige Kohl- und Pinkelportionen, um die hungrigen Fußtruppen zu sättigen.
Nach einem zwei- bis dreistündigen Marsch bei bitterkaltem Winterwetter steigt die Vorfreude auf das feierliche Mahl. „Doch das Essen steht für mich nicht im Vordergrund“, sagt Diandra. Sie ist in Ganderkesee aufgewachsen und studiert derzeit in Bonn. Für die obligatorische Kohlfahrt besuche sie den Norden immer wieder gerne. Hierbei gehe es vor allem um Spiel und Spaß – die gemeinsame Zeit mit Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen. „Man trifft andere Gruppen und feiert mit denen. Man bindet wildfremde Fußgänger in irgendwelche Spiele ein.“ Es sei eben eine ausgelassene Stimmung.
Die Spiele sind Highlight-Garanten für jede Kohlfahrt. Die wohl bekanntesten sind Boßeln, Besenschmeißen und Teebeutel-Weitwurf. Kreativität und Einfallsreichtum sind gefragt. Es gilt den Kreislauf in Schwung zu bringen und auf Trapp zu halten, denn alleine „dick einpacken“ reicht bei klirrender Kälte nicht aus.
Die Routen führen häufig durch Wälder und ländliche Gegenden. Fernab von Verkehr und Stadtlärm läuft es sich am besten. Angesteuert wird ein Landgasthof. In Ganderkesee und Umgebung sind das Gasthaus „Zur Linde“ und das Landidyll-Hotel Backenköhler beliebte Ziele. Hier wird eine Suppe als Vorspeise serviert, bevor dann Grünkohl, Pinkel und Kartoffeln auf’n Tisch kommen. Im Anschluss wird gefeiert, ob zu DJ- oder Partyband-Musik spielt keine Rolle. Nachdem die gekürten Kohlkönigspaare der Kohltour-Truppen den Dancefloor eröffnet haben, gibt es kein Halten mehr. Die Auswahlverfahren für Königin und König werden „frei Schnauze“ vom vorherigen Königspaar bestimmt, dessen Aufgabe die Organisation und Planung der Kohltour ist. „Bei uns wurde das Paar letztes Mal ausgelost. Jeder musste einen Zettel ziehen, auf zweien stand ‘Sitzen bleiben und grinsen’, auf den anderen stand ‘Aufstehen und klatschen’“, erzählt Diandra. „Als dann nach und nach alle aufstanden und klatschten und nur ein Freund und ich grinsend sitzen blieben, wusste ich Bescheid.“
Aber wer hat’s erfunden?
Eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. In den 1820er Jahren sollen im Bremer Umland die ersten Kohlfahrten, wenn auch etwas anders als heute, stattgefunden haben. Allerdings waren sie eher Privileg der wohlhabenden Männerriege. Heute sind es vor allem die ländlichen Gegenden unseres Nordwestens, die für ihre zünftigen Kohltouren berühmt und berüchtigt sind. Mangels Zeit und Geld kamen Landbevölkerung und einfaches Bürgertum zunächst jedoch nicht in den Genuss derartiger Freizeitaktivitäten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekam der Brauch neuen Aufschwung. Die Frauen erhielten Einzug in die Männerdomäne. Mit steigendem Einkommen begann auch das einfache Volk den Kult für sich zu entdecken. So erweiterten die Gasthäuser das reine Grünkohl Essen um Musik und Tanz.
Bis heute ist die Kohl- und Pinkelfahrt Tradition in Bremen und umzu. Aber nicht in allen Teilen Deutschlands wird das Kohl Essen im Sinne des Nordwestens zelebriert. So erzählt Diandra: „Als ich gesagt hab, dass ich Ende Februar für’ne Kohlfahrt noch mal hochfahre, da kannte das niemand, also Kohlessen tun’se da auch, aber’ne Tour machen’se nicht.“
In diesem Sinne eine KROSSE Empfehlung an alle rheinländischen Jecken und norddeutschen Nasen, die noch nie davon gehört haben: die Sommerkohlfahrt. Bis jetzt ein recht unbekannter Trend. Es bleibt abzuwarten, ob der Kohl bald auch im Sommer schmeckt.
Lena Karch





