Machen dich die sogenannte Flüchtlingskrise, das Aufstreben populistischer Parteien oder Umwälzungen der internationalen Beziehungen nervös? Sozialpsychologe und Autor Harald Welzer ist der Überzeugung, dass Demokratie und Freiheit in stürmischen Zeiten nur dann funktionieren können, wenn genug Menschen dafür einstehen und Haltung zeigen. In seinem neuen Buch “Wir sind die Mehrheit. Für eine Offene Gesellschaft“ nennt er dafür reichlich Argumente und macht konkrete Vorschläge, denn der deutsche Demokratie-Karren ist noch nicht in den Dreck gefahren.
“Hört auf zu liken, hört auf durchzublicken.
Hört auf zu glauben, dass ihr etwas tun könnt ohne euren A**** zu bewegen.”
Die Jahre 2015-2017 sind medial vor allem von Themen wie Terror, Flüchtlingen, Asylmissbrauch und innerer Sicherheit geprägt. Fehler im System – Warum kennt ganz Deutschland den Namen Anis Amri und niemanden von den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern, die es ermöglicht haben, dass aus der Flüchtlingsdebatte nie eine für „unser Land“ bedrohliche Krise wurde: 77% der Deutschen sind der Meinung, es gelinge der Gesellschaft gut, die Situation der Aufnahme von Flüchtlingen zu bewältigen (Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2016) – nun Herr Seehofer, da ist Deutschland wohl Deutschland geblieben.
In was für einer Gesellschaft möchtest DU leben?
Besonders spannend war für mich in diesem Zusammenhang Welzers Kritik an den Medien und ihrer Berichterstattung, denn Themen und Berichte von Sternstunden der Demokratie scheinen medial unsexy zu sein, werden nicht intensiv genug aufgegriffen und stehen hinter den Themen zurück, die rechtspopulistischer und tabubrechender Natur sind. Damit geht die mediale Strategie von Pegida, AFD und Co. am rechten politischen Rand auf. Medien berichten intensiv über die Aktivitäten dieser Gruppierungen, greifen deren Vokabular von „Überfremdung“ bis „Umvolkung“ auf und rücken damit Stimmungen in die Mitte der Gesellschaft, die dort bisher gar nicht vorherrschten. Welzer führt anhand vieler aktueller politischer Geschehnisse sehr anschaulich durch sein Buch und gibt dem Leser am Ende jedes Kapitels eine Regel mit auf den Weg. Reichlich Denkstoff liefert u.a. meine Lieblingsregel Nr. 6: Die Bürgergesellschaft setzt die Themen.
“Das ist unser Land. Sagen wir, wie es sein soll!”
Innerhalb des Kapitels „Was wir tun können, um die Mehrheit zu bleiben“ erläutert Welzer sein Gegenangebot zum derzeitigen Zustand: Die Initiative Offene Gesellschaft. Es sei nicht primär die Politik oder Wirtschaft, die Veränderungen angestoßen habe, sondern soziale Bewegungen aus der Mitte der Gesellschaft. Der 17.06.2017 wurde innerhalb der bis zur Bundestagswahl laufenden deutschlandweiten Kampagne „für die Form einer offenen Gesellschaft“ zum Tag der Offenen Gesellschaft gekürt. Welzer sieht in analogen Begegnungen wie gemeinsamen Essenstafeln oder Lesungen die Chance alldenjenigen entgegenzutreten, die dieses Land gegen alles Offene und Andere „zurückverwandeln wollen“. Das Konzept trägt erste Früchte: 20.000 Menschen trafen sich an 500 unterschiedlichen Orten deutschlandweit zum gemeinsamen Miteinander und Gesprächen darüber, wie Demokratie, die Zukunft Europas und die Gesellschaft, in der sie leben wollen, geöffnet und gestaltet werden kann.
Wer Harald Welzers Schreibstil kennt und schätzt, wird auch auf seinen neuen 123 Seiten nicht enttäuscht werden. An alle überzeugten Neulinge – Glückwunsch, ihr werdet a) nicht nur mal wieder ein Buch kaufen, sondern b) auch eines mit Haltung und Format, das euren Horizont erweitern wird und Mut für Morgen macht – versprochen.
Greta Runge
Bildquelle: Vlad Tchompalov