Wir waren für euch mit dabei – bei der re:publica TEN, der großen Internet-Konferenz in Berlin, die dieses Jahr ihr zehntes Jubiläum gefeiert hat. Auch in diesem Jahr fanden re:publica und die mediaconvention auf dem selben Gelände statt.
Am 1. Mai ging es für uns drei KROSSE-Redakteurinnen und einige andere Medienstudenten ab nach Berlin zu diesem weltweit wichtigen Festival für die digitale Gesellschaft. Nach der Ankunft am ZOB machten wir uns neugierig auf den Weg Richtung UBerlin-Gleisdreieck. Unser Hostel hielt, was es versprach. Wir teilten uns gemütliche Fünf-Bettzimmer in dem schönen Berliner Altbau-Haus. Nach dem ersten Umschauen zog es uns aber natürlich schon Richtung Messegelände, das am sogenannten TAG 0 bereits zum Einchecken und Kennenlernen einlud. Auf dem Weg begegneten wir schon den ersten Strömen von Messebesuchern.
Nachdem man auf dem Gelände die wichtigsten Dinge erledigt hatte – Bändchen, Jutebeutel und coole silberne Namens-Badges abholen -, konnten wir auch schon das Gelände erkunden. Von den großen Stages, die dann in den nächsten Tagen für die über 8.000 Besucher interessante Talks und Workshops anboten, bekamen wir erst an TAG 1 mehr zu sehen, aber der Innenhof des alten Fabrikgeländes war bereits geöffnet. Begeistert, dass das Wetter mitspielte, und mit dem ersten Snack ausgestattet, stand uns nichts mehr im Weg, den ersten Reisetag zwischen silbernen Heliumballons, FritzKola und den letzten Sonnenstrahlen ausklingen zu lassen.
re:publica TEN
Richtig los ging es am Montag. Tag 1 der re:publica TEN.
Bei 850 Speakern, verschiedenen Workshops und etlichen Ständen fiel es natürlich manchmal wirklich schwer, zu entscheiden, zu welcher Stage man sich zu welcher Uhrzeit denn nun begeben möchte. Oft wurde einem die Entscheidung von den vor bereits überfüllten Hallen wartenden Menschengruppen erleichtert, oder man blieb an einem der unzähligen Stände hängen, um die vorgestellte Technik selbst auszuprobieren. Besonderer Schwerpunkt hierbei war in diesem Jahr VirtualReality in verschiedenen Formen und Anwendungen.
Um euch trotzdem so viel wie möglich an unserem Trip teilhaben zu lassen, wollten wir euch aus unserem gemeinsam und einzeln erlebten Messeparcours verschiedene Talks und Events raussuchen, die uns begeistert haben.
TAG 1:
Neeltje: Heute habe ich zwei unglaublich beeindruckende Vorträge zu Themen gesehen, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Gespräch sind: Klimawandel und Diskriminierung. In einem Panel mit dem Titel „Dezentral, vernetzt und nachhaltig – neue Ideen für eine bessere Klimawelt“ wurden viele kluge Leute nach ihren Ideen und Ansätzen gefragt, wie man eben eine bessere Klimawelt schaffen könnte. Dass Digitalisierung und Nachhaltig so eng miteinander zusammenhängen, war mir nie bewusst gewesen, und das Panel öffnete mir die Augen. Mehr Messen, hier kommt die Digitalisierung ins Spiel, bedeutet zwar mehr Effektivität und weniger Verbrauch, aber auch einen gläsernen Bürger. Wer eine landwirtschaftliche Genossenschaft gründet, hat keine alternativen digitalen Möglichkeiten, sich zu organisieren, sondern muss sich den großen Firmen offenlegen. Auch das Thema Verzicht wurde angesprochen. Einen Standard, der die Welt zerstört, zu erhalten, auch wenn dies mit alternativen Energien geschieht, ist nicht sinnvoll. Wir müssen effizienter werden, lernen zu teilen und nicht alleine ein Auto nutzen, in das 5 Personen passen und das dann auch nur 1h am Tag genutzt wird, das ist einfach nicht effizient. Effizient ist eine gute Infrastruktur mit Bahnen und Bussen, also wieder der Gedanke des Teilens statt des Besitzens.
Zweiter Talk: Eingangs las eine junge Frau ein von ihr geschriebenes Kinderbuch vor, in dem es um ein Kind mit dem Down-Syndrom geht. Sie ist Expertin auf diesem Gebiet, denn sie hat selbst das Down-Syndrom. In deutschen Kinderbüchern gibt es selten Menschen mit Behinderungen, People of color oder alternative Familienkonstellationen. Deutsche Verlage haben noch viel aufzuholen! Ich hoffe aber, irgendwann wird es Kinderbücher geben, die selbst Laurie Penny gerne liest und aus denen Kinder lernen können, dass die Gesellschaft aus vielen diversen Individuen besteht.
Lina: Besonders spannend fand ich den Vortrag zum Thema „Commercial Content Moderation – Die Müllabfuhr im Internet“. Bilder und Videos von Pornographie und Sodomie, von Gewalt und Verstümmelungen werden nicht nur von einer Software aussortiert, bevor sie überhaupt in den sozialen Netzwerken landen, sondern auch von Menschenhand. Outgesourct wird dieser Job auf die Philippinen. Die Konzerne sind nämlich davon überzeugt, dass die Philippinos als streng gläubige Christen dank der gemeinsamen Moralvorstellungen und Werte am besten für den Job geeignet seien. Dabei ignorieren sie die Tatsache, dass die Sichtung von gewalttätigem und pornographischem Video- und Bildmaterial bei acht bis zehn Stunden pro Tag zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen kann. Anstatt den Philippinos psychiatrische Hilfe zur Verfügung zu stellen, vermarkten die Aufraggeber, wie zum Beispiel „Task us“, den Job als erstrebenswerte und fröhliche Zusammenarbeit, die dem Allgemeinwohl gewidmet ist.
Birte: Montag Abend: TV made in Germany – Meet the Team
Am Abend des ersten Messetags lockte es mich gemeinsam mit einem Großteil der Messebesucher zu Stage 5. Auch wer sich noch nicht intensiver mit der Programmbeschreibung auseinandergesetzt hatte, sollte sich dort dann bereits nach kurzer Wartezeit das verhältnismäßig junge und unruhige Publikum erklären können. Die Veranstaltung „Film & TV made in Germany- Meet the Team“ – eine Art Präsentationsforum für drei neue oder fortgesetzte deutsche Film- und Serienproduktionen – schien besonders durch zwei heimliche Publikumsmagneten so anziehend zu sein: Das Team der neuen AmazonPrime-Serie „You are WANTED“ bot mit Schauspieler und Regisseur Matthias Schweighöfer und dessen selbstbewussten Späßen den erwarteten Auftakt. Mit weniger Prominenz, aber nicht weniger interessant folgte die Vorstellung der neuen Staffel der TV-Produktion „Club der roten Bänder“, und abgerundet wurde das Event mit einer Mischung aus Komik und Musik durch Friedrich Liechtenstein. Den meisten bekannt durch den Edeka-Werbespot, liefert er nun mit der ARTE Produktion „Tankstellen des Glücks“ neue Unterhaltung – fast schon romantisch und mit Sicherheit „supergeil“.
TAG 2:
Lina: Das Highlight dieses Tages war die morgendliche Bootstour mit Spree:publik, für die wir uns bereits am Tag zuvor angemeldet hatten. Mit Kaffee, Crossaints und guter Musik schipperten wir auf einem selbstgebastelten Floß vom Dreiländereck in Kreuzberg zur re:publica. Das war definitiv ein guter Start in den Tag! Interessant war zudem der Vortrag „What´s up YouTube?“, in dem es darum ging, wie die Aufmerksamkeit der Zuschauer gewonnen werden kann. Was ist es, das YouTuber wie Family Fun Pack oder Sophia Thiel so erfolgreich macht? Die Antwort ist einfach: Sie haben ein gutes Thema gefunden und besitzen Talent und Leidenschaft. Im Allgemeinen werden YouTube Videos häufiger angeklickt, wenn jemand mitmacht, den man hasst oder gut findet oder dem man bereits folgt; wenn der Inhalt sehr relevant ist oder das Video empfohlen wurde, wenn der Thumbnail neugierig macht und der Inhalt der Suche gut platziert ist oder, wenn jemand den Kanal bereits kennt und abonniert hat.
Neeltje: Natürlich darf eine Party nicht fehlen. Die große Karaoke-Party mit Oldies, Trash und allem was das Herz begehrt war großartig.
TAG 3
Lina: Das beste Event am letzten Tag der re:publica war für mich der Talk „Change The Story, Change The World“. Die Sprecherin Laurie Penny deutet lebendig und humorvoll die Veränderung von Geschichten in Bezug auf Geschlechter, Sexualität und Rassen an. Mit der zunehmenden Popularität von Fan-Fiction verändern sich die Geschichten und damit auch die Kultur, da viele verschiedene Versionen des Originaltextes mit neuen Blickwinkeln und Perspektiven entstehen. Warum sollte es auch nicht eine dunkelhäutige Hermine Granger oder Transgender-Helden geben?
Neeltje: Die letzte Veranstaltung, von der ich unbedingt berichten möchte, dreht sich um den nicht kommerziellen Nutzen von VR. Isabela Granic, eine Psychiaterin, hat mit ihrem Team ein Virtual-Reality-Spiel entwickelt, das Kindern Ängste und Depressionen nehmen soll. Es klingt nach Magie, arbeitet in Wirklichkeit aber mit einem Hirnstromleser und trainiert mit den Kindern Entspannungstechniken – auf eine sehr beeindruckende Art und Weise.
Lina Weimann, Neeltje von Appen und Birte Hirsch