Zum dritten Mal trifft in den Pusdorf Studios Medienpraxis auf Theorie. Die Diskussion war von emotionalen Debatten und Meinungsverschiedenheiten geprägt.
Selten hat man die Pusdorf Studios so voller interessierter Besucher erlebt, wie bei der dritten Runde der Mediengespräche. Die Veranstaltung, die von Bremen Zwei und dem Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (Zemki) der Universität Bremen organisiert wurde, hatte schon im Voraus für Gesprächsstoff gesorgt. Grund hierfür war das Auftreten von Julian Reichelt. Der durchaus umstrittene Chefredakteur von BILD, Bild.de und BILD am Sonntag (BamS) war gekommen, um mit Andreas Hepp über die aktuelle Medienentwicklung, insbesondere die der BILD-Zeitung zu diskutieren. Polizei und eine private Sicherheitsfirma sicherten die Veranstaltung, um allen Beteiligten eine friedliche Atmosphäre zu bieten.
“Boulevard ist kein Qualitätsjournalismus”
Unter der Moderation von Tinia Würfel legten die Beiden auch direkt los. Angesprochen auf die sinkenden Auflagenzahlen, der Printausgabe, der BILD -Zeitung, (aktuell sind es 1,5 Millionen) hob Reichelt, die dafür angestiegenen Aufrufzahlen von Bild.de (475 Millionen Aufrufe) hervor. Hepp bemerkte, dass die BILD-Zeitung, wie alle anderen Medienhäuser, mit dem Konkurrenzdruck zu kämpfen habe. Für ihn sei die BILD eine Boulevardzeitung und würde sich damit von Formaten des sogenannten Qualitätsjournalismus unterscheiden. Dem widersprach Reichelt vehement und lautstark, indem er die Aussage Hepps als nicht wissenschaftlich belegbar akkreditierte. Im Gegenteil sei BILD durchaus ein Blatt mit Qualität. Grund hierfür seien die großen Investitionen im Digitalbereich und die Exklusivität der Berichterstattung. Außerdem habe man mit der Einführung des Paid Content den deutschen Journalismus gerettet. Um seine Unterscheidung zwischen Boulevardpresse und Qualitätsjournalismus zu belegen, warf Hepp der BILD vor, bestimmte Themen nicht ausreichend zu behandeln. Gleichzeitig seien viele Themen mit einer negativen Intention besetzt. Dem entgegnete Reichelt sehr bestimmt, indem er die Leitlinien der BILD-Redaktion zum Existenzrechts Israels und zum Bekenntnis zu Europa hervorhob.
Reichelt wirft Hepp Zynismus vor
Auch Tinia Würfel brachte sich in die Diskussion ein. Sie fragte Reichelt, ob man mit den steigenden Zahlen im Digitalbereich eine gewisse Verantwortung und Macht tragen würde. Dem stimmte der 39-Jährige zu. Gleichzeitig betonte er die Besonderheit der BILD, die Emotionen als Verkaufsstrategie nutze. Er selbst räumte ein, dass man durchaus Macht besitze, aber damit keine politischen Ereignisse provozieren oder politische Verhältnisse verändern könne. Ein weiterer Konfliktpunkt zwischen Hepp und Reichelt war, inwiefern Journalismus die Wirklichkeit abbilden kann. Auslöser hierfür war der Imagefilm der BILD den Tinia Würfel einspielte. Anschließend kritisierte Hepp die naive Sicht auf Journalismus, die der Imagefilm vermittle. Für ihn sei es gefährlich gewesen zu behaupten, dass Journalismus die Wirklichkeit abbilde. Dies würde nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit der Presse steigern. Empört über diese Aussage warf Reichelt Hepp Zynismus vor. Es sei respektlos gegenüber allen Reportern, dies zu behaupten. Im Gegenzug belegte Hepp seine Aussage am Beispiel der Arbeit von Kriegsreportern. Für ihn würden diese durchaus oft subjektiv authentisch berichten. Dennoch sei es so, dass die Kriegsreporter häufig von Militärs in vorgetäuschte Situationen gebracht werden. Hierbei sei das Risiko einer Verzerrung der Wirklichkeit groß. Für ihn sei die ganze Frage nach der Authentizität von Journalismus viel komplexer und daher könne man nicht sagen, dass Journalisten immer eine Wahrheit abbilden. Reichelt stimmte dem zu, unterstrich aber nochmal, dass Reporter durchaus Wirklichkeit mitkonstruieren würden. Dabei sei es logisch, dass sie auch das Erlebte instrumentalisieren, da sie aus ihrer eigenen Sicht berichten.
Zuschauerin kritisiert Reichelts Tweetverhalten
Am Ende durften einige der Besucher Julian Reichelt ein paar Fragen stellen. Hier zeichnete sich schnell ab, dass viele Besucher eine sehr kritische Haltung zur Person Reichelt und seiner Funktion als Chefredakteur der BILD besaßen. Beispielsweise fragte ein Zuschauer, ob die Presse sich nicht mehr mit dem aufkommenden politischen Populismus auseinandersetzen müsse. Dem entgegnete Reichelt, dass dies keine Option sei. Im Gegenteil. Seiner Meinung nach kann es eine populismusfreie Gesellschaft gar nicht geben. Das Thema müsse für ihn eher in verantwortungsvolle Hände gelegt werden. Eine hitzige Diskussion führte Julian Reichelt mit einer Besucherin, die ihn für sein Verhalten auf Twitter kritisierte. Konkret warf sie ihm vor, einen Tweet einer Lehramtsstudentin retweetet zu haben. Sie hatte zuvor in ihrem Post eine Empfehlung über ein Buch ausgesprochen, welches die sexistischen und rassistischen Probleme in der Gesellschaft darstellt. Durch Reichelts Retweet wurde sie einem heftigen Shitstorm ausgesetzt. Die Zuschauerin warf Reichelt vor, bewusst den Post retweetet zu haben um seine „rechten Leute“ zu instrumentalisieren und auf sie zu hetzen. Reichelt, dem 46.000 Menschen auf Twitter folgen, wies diesen Vorwurf von sich. Wenn man sich als Twitter Nutzer am Online-Diskurs beteiligt, müsse man die Risiken kennen. Der Mutmaßung des absichtlichen Retweetens und Kommentierens entgegnete er mit einem Verweis auf sein Recht der freien Meinungsäußerung. Am Ende des Abends hatte man das Gefühl, dass die Positionen zwischen Julian Reichelt und Andreas Hepp sowie den Zuschauern eher noch weiter aus einander lagen als zuvor. Viele Fragen blieben offen. Die Debatte war auf beiden Seiten sehr von Emotionen, Unverständnis und Ratlosigkeit über das Gegenüber geprägt. Trotz dieser Verhärtung der Fronten, blieben weitere Eskalationen aus. Auch eine Blockade der Veranstaltung durch Aktivisten, wie zuletzt bei Thomas de Maizière oder Bernd Lucke fand nicht statt. Mal sehen, welcher kuriose Gast beim nächsten Mediengespräch auftritt.
von Moritz Gammersbach
Bildquelle: Beate C. Köhler