Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz. Eigentlich war es ein ganz normaler Tag und dann dieser Gedanke: Wenn ich später einmal Kinder habe, dachte ich, würde ich ihre Internet-Nutzung kontrollieren. Gleich darauf der Schock: Ich bin eine Spießer-Mama! Meine Kinder werden mich hassen, die Türen knallen und mir vorwerfen, dass ich noch in der Steinzeit lebe. Schreckliche Vorstellung.
Alles begann mit einem Film auf SAT.1…
„Online. Meine Tochter in Gefahr“ hieß der Dienstagabend-Thriller mit Annette Frier in der Hauptrolle. Und ich dachte nur: Haha! Was für ein Schrott! Hier eine Kurzfassung: Eine alleinerziehende Mutter mitten in der Scheidung, ihre Tochter flüchtet sich ins Internet und chattet rund um die Uhr mit einer Cyber-Freundin. Die Mama zieht den Stecker, die Cyber-Freundin entpuppt sich als böser Triebtäter, der aus Rache das Leben der Mama zerstört. Dazu Passwörter-Klau, Konto-Missbrauch, diskreditierende E-Mails und zur Krönung wird am Ende das Töchterchen entführt. Das Ganze ist ein hoch dramatischer Klischee-Salat, der der “Gläserner Nutzer”-Problematik nicht gerecht wird, sondern dieses ohnehin schon mit Hysterie aufgeladene Thema durch billige Effekte weiter aufbauscht.
Das Internet, das böse, Kinder fressende Monster?
Versteht mich nicht falsch: Wir haben eine ganz ambivalente Beziehung, das Internet und ich. Ich gehöre noch nicht zur Generation, die vollkommen „online“ aufgewachsen ist. Meine Internetnutzung ist eher durch eine gewisse Skepsis geprägt: Mir ist jedes Mal mulmig, wenn ich meine Kontodaten in den Computer tippe, selbst wenn es nur für Amazon ist. Gleichzeitig brauche ich das Internet, ich liebe seine praktischen Eigenschaften und könnte mir ein Leben ohne es gar nicht mehr vorstellen.
Manche übertreiben es mit dieser Liebe allerdings etwas. Jeden Tag ist meine Facebook-Startseite von oben bis unten vollgestopft mit Teenager-Spam. „Schreib mir eine Zahl und ich poste meine ehrliche Meinung über dich!“ Einige meiner Kontakte können sich den ganzen Tag mit so etwas beschäftigen. Sie posten ihren exakten Tagesablauf und erlauben ihrem Smartphone, sie an dem Ort zu verlinken, an dem sie sich gerade befinden. Sie tragen jeden Streit und jeden Liebeskummer öffentlich auf ihrer Pinnwand aus und mich gruselt’s beim Lesen.
Kinder, Facebook ist kein Tagebuch!
Tagebücher packt man unters Kopfkissen und wenn die Mama es liest, ist das nicht okay und ein guter Grund, drei Tage zu schmollen und Türen zu knallen. Aber sollte sich mein Kind eines Tages in einem sozialen Netzwerk herumtreiben, werde ich ab und zu mal gucken, was es dort hineinschreibt. Bin ich eben eine Spießer-Mama – ich werde dafür sorgen, dass es sein Leben dort nicht komplett vor Fremden entblättert. Schon aus Prinzip. Ihr erklärt euren Kindern doch schließlich auch, wie das mit dem Sex ist, oder?
Aber mein Rat: Schaut zur digitalen Aufklärung lieber nicht „Online. Meine Tochter in Gefahr“. Mit dem Internet ist es nämlich wie mit dem Weißen Hai. Haie sind gefährlich, klar, beißen aber eher selten Menschen. Trotzdem gucken alle Menschen diesen Film und haben danach schreckliche Angst, ins Wasser zu gehen.
Alice Echtermann
Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/osucommons/4904881106/ (28.10.2012)




